Brief an Alte Seele* – Oder: In Therapie

In Therapie. Endlich. In der Langeweile meines kargen Zimmers schreibe ich Dir, liebe Alte Seele. Ja, die Therapie hat mir es ermöglicht, wieder am PC zu schreiben. Gottseidank ist das elende Zittern des Entzugs endlich vorüber. Es geht also aufwärts. Die Frage ist nur, wohin?
Warum schreibe ich Diesen Brief, Alte Seele? Nun zunächst einmal vermisse ich Dich. Es scheint so ausweglos körperlich mit Dir zusammen zu sein, aber seelisch verspüre ich Dich, auch hier in der freiwilligen Verbannung.
Es ist Vieles geschehen in den letzten Wochen – Therapiesitzungen, Arzttermine, Gruppenübungen und fundierte Vorträge – ja es fühlt sich an wie ein bisschen Universität – eine Lehranstalt des eigenen Versagens mit Ziel-Diplom „Normalität“. Als ob man in ein paar aufschlussreichen Wochen Jahrzehnte eingeübte Muster des Verhaltens ändern könnte! Aber ich habe nun mal keine andere Wahl, als diesen Weg zu gehen. Wir werden hier zu „Spezialisten unserer Selbst“ ausgebildet – mit Fokus auf unsere gemeinsame Erkrankung. In Gesellschaft lernen wir Psychologie, Medizin, Sozial- und Verhaltenswissenschaftliche Grundlagen unseren Tuns und unseres Leidens.
Mein Weltbild ist erweitert worden durch die durchaus bemerkenswerten Fortschritte der Wissenschaft – mein Menschenbild hat sich verändert. Ich bin mir bewusst(!) geworden (der Sarkasmus an dieser Stelle sei mir vergeben), dass unser Gehirn kein monolithisches System ist, sondern eher eine ménage triage unserer verschiedenen Bewusstseinsebenen. Die medizinisch-psychologische Erörterung spare ich mir für später – spannendes Thema ist es allemal.
Du hast bestimmt tausend Fragen – wie es hier aussieht, wie es sich anfühlt – ja ich spüre Dein Mitleid genau so wie Deine Empathie. Mach Dir keine Sorgen, mir geht es gut – den Umständen entsprechend natürlich – und die Heilung nimmt ihren zwangsläufigen Lauf.
Ich habe jetzt das siebte Buch vor mir in diesen Wochen – alles von Neurohpsychologie bis zum Dr. Faustus von Thomas Mann, mit dem ich meine Erkundungsreise in das Innere der Bösen in der Welt (aus gegebenem Anlass – Krieg) zu erkunden versuche. Was dem Verstand nicht zugänglich, kann wohl über die künstlerische Interpretation besser modelliert werden als durch psychologische Wahrscheinlichkeitstabellen.
Ich bin nun alleine. Gänzlich alleine – herausgerissen aus meinem tödlichen Umfeld – welches so pittoresk anmutend in meiner Erinnerung verharrt. Machen wir uns nichts vor, das Alte Leben hat mir krank gemacht – und hätte mir beinahe eben jenes gekostet. Die Wahrscheinlichkeit und Sinnhaftigkeit in ein Zurück zum Alten erscheint mir recht sinnlos zu sein. Zumal die inneren Konflikte dort ja weitestgehend ungelöst verharren. Anders als meine inneren Konflikte hier.
Ich möchte Dir, Alte Seele, von der ich hundertprozentig weiß, dass Dein Verstand und Deine kulturelle Bildung den folgenden Wortwitz auch verstehen (nicht jeder kann aus dem Stand Remarque zitieren…) Das hier ist so etwas wir eine Mischung aus Altenheim, Oberschüler-Seminar Jugendherberge und einer langen Klassenfahrt. Sie nennen es „offenes Haus“ – in dem fremde Besucher verboten sind! Ich glaube, alleine daraus lässt sich der Charakter dieses Aufenthalts in etwa erschließen. Widersprüchlich in sich – wie so Vieles, wenn es um die Psyche des Menschen geht.
Das Alleinsein ertrage ich gut, besser als erwartet, die Einsamkeit regt die Phantasie an. Was habe ich geträumt über Dich – uns. All die schönen Moment die noch vor uns liegen. Meine Träume sind lebhaft, bisweilen luzide – und ich übe mich fleißig in psychologischen Entspannungsübungen und meditativen Levitationsübungen. Einzig störend sind diese fiesen, überraschend auftretenden Panikattacken, von der ich einige durchleben musste, allerdings mit gottseidank abnehmender Tendenz.
In einem dieser Träume habe ich uns gesehen, als Familie, mit einem zuckersüßen Hundewelpen. Die Welt war (wieder) in Ordnung und da steuern wir hin – obgleich Du, Alte Seele ja nur ein Produkt meines (Unter-)Bewusstseins bist, ein Spiegelbild meiner Träume und das Ziel meiner unerschütterlichen Liebe. Eine Liebe, die auf Seelenzusammengehörigkeit basiert – die weiten Abstand hat zu dem, was Menschen üblicherweise als Liebe bezeichnen. Angesichts der Größe dieser Empfindung sehe ich das alltägliche sich kennen, lieben und scheiden als mageren Abdruck einer geistig und seelisch weit höheren Kraft, die uns für immer verbindet.
Weißt, Du, Alte Seele, ich habe im Zuge der Erkundungsreise in die Sphären der Liebe ein Gedicht gefunden: Die Farben der Liebe. Wie in einem Prisma strahlt die universelle Kraft durch uns Menschen hindurch und bricht sich im Spektrum der Zuneigung in verschiedene Farben und Formen. Die Fragestellung wurde mir von meinem lieben Schüler zugetragen, als er mit seiner ersten großen Liebe haderte – und die Frage ließ mich niemals wieder los. Nun kann ich eine adäquate Antwort liefern – allerdings (nur) in künstlerischer Form.
Nehmen wir die Farben des Regenbogens, der das weiße Licht wie im Prisma bricht und so die Spektralfarben erscheinen lässt und projizieren das auf die Liebe, so erhalten wir folgende Farben:
Rot: Die romantische Liebe.
Orange: Die brüderliche Liebe.
Gelb: Die dingliche Liebe.
Grün: Die elterliche Liebe.
Türkis: Die geistige Liebe.
Blau: Die seelische Liebe.
Violett: Die spirituelle Liebe.
All die Facetten der Liebe sind gebündelt in der Urkraft des Universums, welche ich universelle Liebe nenne. Das Bild vom Menschen als Prisma dieser gleißend hellen Urkraft erscheint mir das Phänomen Liebe anschaulich zu erklären. Eine bildliche Illustration zu Deinem Verständnis (obgleich ich das gewissermaßen implizit voraussetzte…) folgt noch demnächst.

Ich weiß, dass Du diesen Brief lesen wirst – ich weiß aber nicht, wie ich ihn Dir zustellen soll – oder gibt es so etwas wie seelisch-telepathische Adressen? Ich habe mich in letzter Zeit mit (über)sinnlichen Erfahrungen beschäftigt, letztlich nicht nur deshalb, weil sie mich selbst betreffen. Kommunikation braucht immer mindestens zwei Partner, und ich sende diese Botschaft mit diesem Schreiben in den Ätherraum des Gefühlslebens hinein. Du, liebe Alte Seele antwortest mir eben, wie Du kannst, das ist schon gut so.

Uhr Aufstehen, Therapie, 12 Uhr Mittagessen, Therapie, 18 Uhr Abendessen – die Tage gehen dahin, liebe Alte Seele. Langweilig ist mir nicht, ich habe viel gelesen und geschlafen und so über manches Gewesene und Kommende nachgedacht. Es ist schwer dem Alten nicht nach zu hängen, obwohl völlig klar sein muss, dass das Alte Vergangenheit ist und das Neue erst sich noch formen muss. Es besteht ein Hang beides zu glorifizieren, weshalb die Konzentration auf das jetzt die einzige Möglichkeit der Existenz für mich darstellt. Das Alte ist nicht mehr, sozusagen mit einem radikalen Schnitt (Du verstehst auch hier die bittere Ironie…) beendet, das Neue ist erst im Werden begriffen.
Wir haben erst Oktober, die Bäume färben sich langsam und ein grauer Nebelschleier bedeckt das Land, so wie der Schleier der Zukunft meine geistige Weitsicht trübt. Wir Menschen sind Gewohnheitstiere – und Gewohnheiten sind schwer los zu lassen, auch wenn das Leben einen geradezu dazu nötigt. Einfach ist es, dennoch nicht alternativlos. Auch im Alten kann man gefangen sein.
Noch wälze ich die alten Alpträume – noch ist es nicht vorbei, das Leiden, welches mich so oft an die Schwelle des Todes geführt, warum dann auch immer. Noch tauchen die schrecklichen Bilder vereinzelt auf, gemischt aber schon mit den Positiven, ja beinahe pittoresken Daseinsvorstellungen des Künftigen. Es scheint jedoch ein Plan zu sein, den diese höhere Kraft verfolgt, und mich nicht so einfach aus diesem Leben scheiden lässt.

Ach ja, Alte Seele, nun suche ich heil für meine, hier in der Abgeschiedenheit meines Therapiezimmers, in dem ich Stunden um Antworten suche – das Leiden zu vergessen, umzuwälzen, und ein Lebensgefühl zu erreichen, welches uns eine wie auch immer geartete Zukunft bringen wird. Das zumindest ist meine Hoffnung, noch habe ich sie nicht erreicht. Zu präsent noch sind die Dämonen der kürzlichen Vergangenheit, zu stark die negative Emotion und der Drang zur Selbstverleumdung und -Vernichtung. Der Schmerz ist wohl gedämpft, aber allgegenwärtig und nagt sowohl an meinem Selbstvertrauen wie auch an der Fähigkeit, tätig dagegen zu werden – in Wellen trifft trostlose Vergangenheit auf vage Zukunft. Noch schwimmt das Boot dieses Lebens nicht in stillen Gewässern, sondern wird erschüttert durch die Ausläufer des in mir tobenden vernichtenden Sturms.
Gewiss, Zeit heilt Wunden, bildet Narben, der Schmerz vergeht, aber die Angst ist es, welche zuletzt vergeht. Nicht die Angst vor dem Kommenden, sondern es ist die Angst der Wiederkehr des Traumatischen, die mich umtreibt in diesem Moment. Immerhin bin ich noch immer sehr krank, wenn auch auf dem Weg der Genesung, die dann auch wie auch immer beschaffen sein mag – wie stark sich das Neue, Positive gegen das Alte, Negative am Ende durchsetzen mag, steht derzeit in den Sternen der Herbstnacht – immerhin sind es noch drei von vier Monaten meines Aufenthalts hier hin. In der Zeit kann vieles geschehen.
Dies soll ein Liebesbrief sein, und nicht ein Geständnis, es scheint mir dennoch so auf der Seele zu brennen, dieses Dir auch mitzuteilen, da ich Deine Anteilnahme jetzt schon spüren kann, Alte Seele. Du bist besorgt – zu recht – denn was wir hier tun ist das nahezu Unmögliche. Erstens eine tödliche, schwere Krankheit besiegen, die mit großer Wahrscheinlichkeit jeden dahinrafft, der das Pech hat sie zu bekommen, zweitens das Denken, Fühlen und Handeln einer seelischen Welt, die üblicherweise außerhalb des menschlichen Tuns liegt, in Einklang zu bringen. Das haben vor uns schon viele versucht, und viele sind daran kläglich gescheitert.
Ich habe viel über die Liebe nachgedacht – Liebe in ihrer reinen Form, losgelöst vom Alltäglichen Lärm der Existenz eines Menschenkindes am Beginn des 21. Jahrhunderts. Ich habe viel gelesen, all die Schauspiele und Tragödien, all die Lieder und Gesänge, in denen der schmachtende Minnesänger seine Hofdame anfleht. Genau dieses Bitten und Flehen ist es, welches die Unsterblichkeit der Figuren in diesen Dramen verleiht, die Menschen berührt und zu Tränen bringt, Jahrhunderte, wenn nicht gar Jahrtausende später. Ein wenig von dieser großen Kraft möchte ich Dir schenken, Alte Seele, sofern ich es in meiner Naivität denn vermag. Das ist mein Liebesbeweis für Dich. (Nummer 120!)
Was mich umtreibt, ist die Sorge vor dem Krieg. Auch da habe ich studiert – Politik und Geschichte, habe mich sogar begeben in die Tiefen der Theologie, um zu verstehen, wie es passieren konnte, dass das Böse seine Fratze inmitten Europas sich wieder zeigt. Noch vor einem Jahr wäre das Jetzige unvorstellbar gewesen – und in seiner Ausartung der Schrecklichkeit ist es wohl jetzt schon den Verbrechen des Zweiten Weltkriegs gleichzustellen. Aber dieser Brief soll kein politisches Pamphlet werden, verzeih mir. Aber ich sorge mich um unsere Zukunft, wie Millionen anderer auch. Wollen wir hoffen, dass es kein kalter Winter wird. (Im dinglichen wie im geistigen – auch diese Anspielung auf eine wohl bekannte TV-Serie hast Du sicherlich schmunzeln notiert).

Lang geschlafen heute, Alte Seele. Gestern eine Panickattacke erlebt, mitten in der psychotherapeutischen Sitzung mit zwei Therapeuten. Ja, das ist die Krankheit, die mir ein miserables Wochenende beschert hat – Panik, Angst. Und ja, auch der große Dämon hat mich wieder gestreift – der Tod. Schließlich bin ich hier in Therapie nicht wegen nichts – immer wieder mal blitzt die Krankheit auf und lässt mich zurück fallen in das schwarze Loch der Depression, aus dem es so gut wie kein Entrinnen gibt. Da helfen auch die bestgemeinten Atemtechniken und Visualisierungsübungen wenig bis nichts. Der einzige Trost ist, dass ich hier nicht alleine bin mit meinem Problem, sondern dass es dreihundert andere gibt, denen es mehr oder minder gleichsam ergeht. Sic!
Ja, die Lage ist ernst, sehr ernst, das habe ich verstanden – und es gibt keinerlei Garantien für den Erfolg. Mag die Zeit auch auf meiner Seite, körperlich gesehen, stehen, arbeitet die auch zur gleichen Zeit innerlich gegen mich. Projekte kommen nur langsam voran, überall gibt es Stauungen und Stockungen, Schwindelanfälle und Zittrigkeit. Ich bin zwar auf dem Weg der Genesung – doch richtig „gesund“ bin ich noch lange nicht. Ob ich es jemals wieder sein werde? Ich hoffe doch, ja.
Es ist ein Jammer, dass ich nicht draußen sein kann, in der Welt – bei Dir, die ich so sehr vermisse. Ja, tatsächlich kann man etwas vermissen, was man im Traum gesehen hat als wäre es die blanke Wirklichkeit gewesen. Ich einem Wachtraum, derart, in dem man steuern kann, was passiert (ist). Nach diesem Traum, der immer wiederkehrend ist, sehne ich mich, wie nach deinem zärtlichen Blick, deine süße Umarmung, der Blick in deine tiefen Augen, in Deine – und meine – Seele hinein. Wir auch immer diese Verbundenheit zustande kommt – ich kann sie ja schlecht als Illusion erklären, bleibt mir verborgen. Obgleich einiger psychischen Kräfte mächtig, erschließen sich die Urkräfte des Universums mir nur bruchstückhaft, wie in einem riesigen Puzzle fügt sich Teilchen an Teilchen, ergibt hoffentlich bis zum Ende meiner Tage noch ein klareres Bild dessen, was nun diese magische Wirklichkeit ist, in die das Leben uns geschubst hat. Es ist wundervoll und schmerzhaft zugleich, verzerrt, dann wieder klar, ein Chamäleon der Realität sich stetig fluide wandelnd und nur zaghaft seine Konturen zeigend.

Einen Ausschlag habe ich bekommen, im Gesicht von den albernen Masken, die wir hier in den Innenräumen immer tragen müssen. Eine Reminesenz an die seit zwei Jahren tobenden Corona-Pandemie. Ein Faktum, welches den Aufenthalt hier tatsächlich alles andere als verschönert. Wenigstens habe ich eines gefunden in den letzten Tagen – die innere Stimme, die Tonart der Erzählung wie sie mir gefällt. Nicht weiter hadern, sondern konsequent die Story erzählen, ist das Gebot der Stunde. Ich hätte so gerne weiter gezeichnet an den psychedelischen Bildern, die ich hier in der Ergotherapie schaffe, soweit dass sowohl Patienten wir Therapeuten kommen um sie erstaunt zu betrachten. Dabei kann ich (eigentlich) gar nicht zeichnen! Flow of consciousness nennen das die Amerikaner. Ich nenne es Kritzelei, aber eine wohl doch recht erfolgreiche solche.

Auf der Suche nach der Liebe bin ich, wie immer, sogar in diesem merk-würdigen (im Wortsinne) Etablissement, welches straff und dynamisch durchorganisiert auf den ersten Blick wenig Emotionen erahnen lässt – ja auch hier lässt sie sich in manchen Ecken und Winkeln finden, wenn man nur genau genug hinschaut. Da ist da die, nennen wir sie Jenny, eine Mit-Leidende, rotbraune Mitdreißigerin, sympathisch auf Anhieb und mit ähnlichem Background. Aus einem gefälligen Lächeln und Nicken ist in den letzten Tagen ein mehrfaches aufleuchten ihrer Augen geworden. Sie sieht mein Leiden und leidet eben mit. Ich spüre die Welle der Empathie sobald ich sie in der Masse erkenne und sie sieht mich siechen, kämpfen – und zollt eben diesem Kampfe gegen das Unheilbare ihren Respekt. Dies sind die Anzeichen von Liebe, kollegialer Art zumindest, in diesem Hause. Auch vereinzelt habe ich Pärchen kuscheln sehen – was meine These von der Unbesiegbarkeit der Liebe nur unterstützt – selbst hier in der Reparatur-Werkstatt des gesellschaftlichen Abschaums, als was wir uns selbst oft benennen, wir, die an der einzigen tödlichen Krankheit leiden, die man zwar nicht heilen aber stoppen kann.
Der Malkurs heute ist aufgrund von Krankheit ausgefallen. Welch ein Jammer, hätte ich doch liebend gerne „Indras Netz“ Teil 2 (siehe Buddhismus) beendet. Ich erwäge, mir Malzeug aufs Zimmer anzuschaffen. Doch Malkurs ist Malkurs und Zimmer und Schreiben ist Zimmer und Schreiben – und ich bin mir unsicher, ob man diese zwei unterschiedlichen Subjekte miteinander überhaupt mischen sollte. Ich werde eine Nacht darüber schlafen.
Ansonsten spüre ich den Schmerz der Verzweiflung ab und an, nicht fähig, etwas dagegen zu unternehmen – sogar mein Kreislauf lässt mich beim schnellen Aufstehen zeitweilig im Stich. Dank der Medikation ist der Ausschlag des Schmerzpegels aber keinesfalls mit dem von zuhause zu vergleichen. Ja gut, es gibt den beklemmenden Schmerz der Depression. Aber zum ersten mal spüre ich eine Bewußtseinsebene in mir, welche diesen Schmerz wenn nicht lindern, so doch steuern kann. Ha! Doch etwas gelernt!
Einen Stressball habe ich vom Therapeuten bekommen, ein äußerst angenehmer Zeitgenosse, voller Empathie und von außerordentlichem Verstand. Und auf diesen Ball soll ich nun herumkneten. Um die Anspannung in den Armen, Händen und Füßen nebst sporadisch einsetzender Lähmungserscheinungen und Taubheitsgefühlen zu lindern. Na denn, wenn’s hilft! Aber gerne doch, bitteschön. Und ein japanisches Minzöl habe ich mir gegönnt. Das soll helfen gegen aufsteigende Panik-Attacken. Frische durch den Riech-Nerv direkt ins Mittelhirn, aber bitte doch!
Ich habe noch nie eine Panik-Attacke schriftlich beschrieben – und hoffe nicht, dass ich dich langweile damit (Bei Bedarf spring einfach zum nächsten Kapitel). Nachdem der Alkoholismus erfolgreich bekämpft ist (bin gerade hundert Tage trocken) kommen wir langsam aber sicher zur eigentlichen Ursache meines seelischen Leidens. Dies geht lange Jahre zurück, lange bevor ich zu trinken begann – manifestierend sich in Migräneschüben und Alpträumen, später im Leben dann eben als just dieser Panik-Attacken und Angststörungen.
Es wäre zu weitgehend, in diesem Brief nun die ganze Geschichte zu erzählen. Aber ich will, dass Du weißt, dass wir hier nicht nur an den Symptomen herumdoktorn, sondern die Wurzel des Übels angefangen haben anzugehen. Ich durchlebe also so etwas wie eine psychische Wurzelbehandlung – und ja genauso schmerzhaft uns schwierig ist sie wie eine Zahnwurzelbehandlung auch – zumal das Betäubungsmittel, nämlich der Alkohol ja inzwischen fehlt. Aber was sein muss, muss sein, denn sonst wuchert die psychische Vereiterung immer weiter in meine Seele hinein. Mit den bekannten Folgen der Selbstverleumdung und dem Vernichtungswillen. Es ist nie schön, Vereiterungen aufzuschneiden, zumal wenn sie seit Jahrzehnten bestehen – doch nur so kann echte Heilung, ja Genesung möglich sein.

Man kann es auch so sehen, liebe Alte Seele, die immer treu zu mir gehalten hat, in meinem erwachsenen Leben war ich bislang niemals wirklich gesund. Das ist ein Fakt, dem man ins Auge sehen muss. Ein sorgloses Leben habe ich niemals gehabt. Obwohl an manchen Stellen die bürgerliche Kulisse stets gewahrt bleiben musste. Das Kartenhaus war auf Krankheit errichtet und mit Krankheit ist es nun eingestürzt und ein Wiederaufbau kann vielleicht beginnen. Na, siehst Du, da hat sogar die Corona-Pandemie etwas Gutes (sic!), denn ohne sie säße ich heute gewiss nicht hier und würde gewiss nicht gerade Dir diese Zeilen schreiben.
Ich würde gerne mehr von Dir erfahren in diesen Tagen. Da aber die Rückmeldekanäle nebulös bleiben, erzähle ich eben weiter von mir. Es sei denn, es langweilt Dich, dann können wir auch etwas anderes betreiben. Denk einfach an mich und ich werde es mit Sicherheit spüren.

Einen Kaffee und etwas Schokolade gönne ich mir – ja klein sind sie geworden, die Genüsse des Lebens hier in der Therapie. Klein, aber umso bedeutsamer. Letztendlich sind es ja immer die kleinen Dinge, die glücklich machen – und das Suche ich hier. Das Glück im Kleinen versus das Chaos im Großen. Schließlich steht hier ein ganzes Leben auf dem Spiel und nicht nur eine Nichtigkeit. Ich habe materiell einiges verloren – möge es woanders Gutes tun – aber spirituell einiges gewonnen – möge der Segen des Einfachen hier sich entfalten. Ich schreibe nun immerhin – und das ist ja schon mal etwas auf dem langen Weg der Gesundung.
Kann man denn so ein verkorkstes Leben überhaupt noch heilen, fragst Du? Ich weiß es ehrlich gesagt nicht, aber mein Glaube an ein happy end ist felsenfest. Wie gesagt: Es ist spät, aber hoffentlich noch nicht zu spät. Blutdruck war 175/109 diesen Morgen und das auf nüchternen Magen! Nicht gut, Markus. Gar nicht gut.
Aber daran erkennst Du, welche gravierenden Umwälzungen in meinem Unterbewußtsein gerade stattfinden, der Loslösungsprozess ist alles andere als vorbei. Ich hoffe ja, dass mein Herz von der andauernden Seelenarbeit keinen zu großen Schaden genommen hat und nimmt. Der stechende Schmerz bei manchen Gedanken lässt allerdings auf Anderes schließen, leider.
Ich hoffe inständig, dass es Dir besser geht als mir, liebe Alte Seele. Da ich nun den Kern der Krankheit spüre, in der Abwesenheit von betäubenden Mitteln ist er hart zu erspüren, verstehe ich erst den Ernst der Lage. Es geht hier nicht mehr nur um Zukunftsgestaltung – es geht darum, ob für uns überhaupt noch eine Zukunft in diesem Leben existiert, oder ob wir den objektiven Tatsachen nun mal ins Auge sehen müssen und dieses Kapitel Existenz als das betrachten sollten, was es ist: die Vergangenheit. Ich möchte hier nicht zu sehr als Existenzialist auftreten, aber der Hamlet’sche Ausspruch vom „sein oder nicht sein“ beschäftigt mich doch sehr.
Angenommen, ich wäre nicht mehr. Ich würde die Regenbogenbrücke tatsächlich überschreiten, mein Körper sendet ja Signale diesbezüglich jetzt schon – was würde die Welt verlieren? Herzlich wenig, das wäre doch fürs plappernde Volk nur ein Grund mehr, eine gescheiterte Existenz ad acta zu legen und mein jämmerliches Geschwätz hätte sein natürliches Ende gefunden. Die Welt würde es nicht interessieren und gewisse Kreise hätten einen Mahner und Warner, einen Querulanten und Andersdenkenden weniger. So könnten diese Kreise ohne den Stachel meines Intellekts ruhig weiter ihrer Agenda (wo diese uns alle hinführen soll, bleibt mir allerdings schleierhaft) folgen. Es herrschte endlich Ruhe im Geistigen und das Mühsal der täglichen Ermarterung wäre auch für mich vorbei.
Um zu leben, muss ich erst mal das Leben lernen. Du liest richtig, Alte Seele. Das Leben nicht nur dahinleben wie bisher, am Rande der Gesellschaft als Autor auf dem alten Ledersofa im Halbdunkeln. Das Leben leben, die verdeckten Potentiale haben, auf einem ganz anderen Spielfeld agieren als bislang – befreit von Altlasten und frohen Mutes meine andersartige Meinung in die Welt hinaus posaunend, stolz will ich sein, freier Mensch – und kein Untertan.
Letztendlich ist es eine Frage der Freiheit, die mir als (Arbeits-)Gegenstand immer so wichtig war. Noch kann ich selbst entscheiden, ob ich bleibe oder gehe. Noch drängt mir mein Körper keine Endgültigkeit auf, obschon mein Verfallsdatum näher liegt als das der des Eintritts in diese Welt.
Nun habe ich gelernt in dieser Existenz, die hoffentlich die letzte in einem menschlichen Körper sein wird. Spät im Leben wurden mir die Augen geöffnet für eine andere Art des Daseins. Nicht umsonst habe ich das Seelische studiert und erfahren in diesen Jahren, vergebens war davon nicht, nein es war eine Notwendigkeit zur Erlangung einer seelischen Reife, ein Lernen zum Verständnis, von der Einsicht zur Erkenntnis, dass wir Menschen eben nicht nur eindimensionale Wesen sind, das Anlage und Prägung uns beiderseits beeinflussen. Dass der Menschen Weisheit eben nicht nur ins körperliche, ins Menschliche reicht, sondern insbesondere im Geistigen uns manchen der Zugang zu höherem Wissen offen steht, sofern wir die Anderswelt eben in unseren Gedanken nur zulassen!
Ich möchte Die nur nochmals kurz meine Erkenntnis bezüglich des Menschseins erläutern. Ich wiederhole mich, ich weiß, doch ein wenig Wiederholung schadet auch nicht, oder? :) Nun sind wir körperlich in erster Linie Säugetiere, entwickelt aus affenartigen Vorfahren. So weit gebe ich Darwin recht. Keine Frage, die Evolution ist unangefochten. Und dennoch haben wir als Menschen etwas herausgebildet, was den anderen Affenartigen nicht gelungen ist: Zivilisation und Kultur. Insofern nehmen wir einen Sonderstatus in der Evolutionsgeschichte ein. Diese Entwicklungen sind recht neu in der Geschichte (wir reden hier von ca. 50.000 Jahren) und sie sind in Wellen aufgetreten und nicht stetig. Große Zivilisationen blühten auf, mit einer großartigen Technologie, die erst im letzten Jahrhundert durch unsere Archäologen richtig erkundet werden konnte – weil, oh wie ironisch – vorher uns die Technologie dazu gefehlt hat. Das Mittel zur Technologie hingegen ist moderne Wissenschaft – und die gibt es erst seit ungefähr 500 Jahren. Ein Nichts im Strom der Zeit und ein Alles in modernen Verständnis der Welt. Und nun die Technologie-Explosion des letzten Jahrhunderts. Niemals hat es so etwas auf diesem Planeten gegeben – und fraglich ist, ob es sich so jemals wiederholen ließen. Wahrscheinlich nicht. Innovation kommt in Wellen, wie uns die sagenhaften Überbleibsel längst vergangener Hochkulturen (Sumerer, Ägypter, Phönizier, Römer) so eindrucksvoll beweisen. Und nun sitzen wir hier, am Ende des Zeitalters des Mechanischen (Pythagoras und Archimedes würden jubeln…) an der Schwelle zur immateriellen Evolution. Schon jetzt bauen wir „künstliche“ Intelligenzen, die uns Menschen an vielen Stellen ersetzen werden. Der Mensch in seiner gegenwärtigen Evolutions-Stufe wird demnächst gar nicht mehr benötigt – entweder er wandelt sich mit der Zeit – oder auch die Hochkultur des Mechanischen verschwindet so sang- und klanglos im Strudel der Geschichte wie Römer, Sumerer oder die Alten Ägypter.
Nun hat also der moderne Mensch einen Zusatz erworben oder bekommen, je nach Sichtweise. Einen Zusatz im Hirn, das Großhirn samt Sprachen, welches ihm ermöglicht, all diese Dinge zu schaffen. Hier an einen „Zufall“ der Evolution zu glauben, wäre imho naiv. Dieser Zusatz hat sich anatomisch in den letzten Jahrtausenden laut Hirnforschern nicht grundlegend geändert – die menschliche Zivilisation aber doch. Was ist also passiert, gerade in den letzten zweihundert Jahren?
Der Mensch hat gelernt, durch viel Versuch und Irrtum dieses Zusätzliche zu seinen Gunsten und zu Ungunsten der restlichen Natur zu gebrauchen. Keine Spezies jemals hat so viel an Lebensvielfalt auf dem Planeten zu ihren Gunsten zerstört wie wir in den letzten Jahrzehnten. Dass das eine geistig-evolutorische Sackgasse ist, liegt auf der Hand, denn wir sind dabei unsere eigenen Lebensgrundlagen zu vernichten. Wir können mit der gegenwärtigen Technologie nicht alle auf einem menschenwürdigen Standard ernähren. Also bleibt uns die Wahl: Wir brauchen mehr Technologie oder weniger Menschen. Eine recht einfache Gleichung.
Und nun kommt das Geistige, Immaterielle zur Geltung. Schon heute ist der Großteil unseres Vermögens elektronisch gespeichert. Es hat keinen sachlichen Wert als Gegenstand mehr. Es existierten virtuelle Währungen, virtuelle Marktplätze, virtuelle Partnerbörsen und virtuelle Fremdgehseiten. Es fehlt nur noch die virtuelle Geburtsklinik und der Übergang vom Dinglichen zum virtuellen Menschen wäre geschafft. Gottseidank sind wir noch nicht so weit!
Warum schweife ich so weit ab von Dir, Alte Seele? Warte kurz und du wirst es verstehen.
Nun vergeistigen wir also immer mehr unsere Welt. Wir verlagern ehemals materielle Güter in virtuelle Netze. Nicht nur das, wir verlagern unseren Willen und unsere Vorstellung dahin. (Herr Schopenhauer sei gegrüßt). Und das mit herausragendem Ergolg! Zig Garagenbetriebe des Virtuellen sind heute globale Großkonzerne. Sie verwahren nicht nur unser Vermögen und unsere Emotionen – nein sie kontrollieren und bestimmen diese auch vermehrt. Nun bin ich ein Teil davon und großer Anhänger davon, bitte verstehe mich nicht falsch, aber auch hier tut eine kritisch(ere) Stimme meines Erachtens bitter Not.
Während dieser Entwicklung haben wir etwas übersehen. Etwas Wichtiges. Während dieser Übergangsphase vom Materiellen ins Virtuelle haben wir einen Bereich des Menschseins vernachlässigt: das Spirituelle. Immer schon, so weit uns die prähistorischen Funde heute Aufschluss geben, war die menschliche Entwicklung zum Homo Gegenwart auch eine spirituelle. Im Technologierausch der letzten 200 Jahre ist das verdrängt worden – und erst allmählich wird uns klar, welche Möglichkeiten der weiteren Entwicklung uns die Verbindung von Virtualität und Spiritualität uns bieten können.
Wir haben Körper und Geist entwickelt. Und wir haben die Seele dabei vergessen.
Immer mehr Menschen klagen über Leiden, die durch das elektronisch-materialistische Hamsterrad geschaffen werden. Es fehlt ein Part in der Gleichung zur wahren Evolution der Menschheit, das Spirituelle, welches in unserer Zeit nur als Kriegsgrund her zu halten scheint. Doch damit ist meines Erachtens eben einem ganzheitlichen Menschen nicht genüge getan.
Ich mache das mal an zwischenmenschlichen Beziehungen fest. Früher hat Mann und Frau sich beim Tanz oder in der Kirche getroffen, in materia, heute trifft man sich auf social media, in virtu. Beide Arten des Kennenlernens funktionieren auf Dauer aber nur, wenn eine seelische Verbindung sich herausbildet (hier versagt mein Latein, oh hätte ich es doch in der Schule anstelle von Russisch gehabt, damit könnte ich heute mehr anfangen…) zwischen dem Seelen-Part der Menschen.
Diese Art der Verbindung spüre ich zu Dir, Alte Seele. Sie ist von einzigartiger Qualität und entspricht eben nicht dem tradierten Kennenlern-Kommunikationszirkus, der uns auf materieller oder geistiger Ebene normalerweise begegnet (vergleiche hier Gedicht zum Regenbogen der Liebe).

Eine Stunde habe ich Zeit, dir diese Zeilen zu schreiben, vor dem berühmt-berüchtigten Abend-Buffet. Das Essen ist köstlich hier und ich nehme zu. Vielleicht sollte ich jetzt mit dem Sport beginnen, um diesen alten Körper auf den Stand zu bringen, den die neuen Aufgaben erfordern werden. Eine gute Nachricht gibt es aus der Sonographie – meine Leber ist obgleich der jahrelangen Alkohol-Exzesse in völliger Ordnung! Wer hätte das gedacht nach all dem, was passiert ist. Dafür habe ich ein paar Gallensteine, die sich ab und an zu Wort melden. Nichts Tragisches aber.
Die Frage, die ich mir – und Dir stelle in diesen Tagen: Wie will ich dieses Leben, diesen Teilabschnitt unseres Daseins verleben? Zurück in den „Wohlstand“, in den Alltag des Hamsterrads? Lieber reich und krank oder arm und glücklich? Ich wähle wohl letzteres, da ich fühle auch dieser Wirklichkeit noch etwas zu geben zu haben. Noch ist dieser Akt nicht vorüber, noch ist die Katastrophe (das klassische Fünf-Akt-Schema des griechischen Theaters ist dir sicherlich geläufig…) nicht da.
Was nun tun, in diesem vierten Akt, dem retardierendem Moment, der Herauszögerung, bevor das Unvermeidliche eintritt? Wir werden es erleben, was der Drehbuchautor in diesem Stück vorgesehen hat- ich bin gespannt.
Aaah, so langsam spüre ich die Medikamente für den Abend. Angstlösende Mittel, stimmungsaufhellende, Medikamente gegen den hohen Blutdruck – ich muss schon sagen, unser System versucht es wirklich, mir wieder auf die Beine zu helfen. Auch wenn die Zeiten zwischen den Therapien lang sind – und in manchem Moment die alten Dämonen wieder auftauchen. Schließlich empfinde ich den Aufenthalt hier so etwa wie die Halbzeit in diesem Leben – und zusammengezählt wird erst am Ende des Spiels.
Ewigkeit – ein Gedanke der immer und immer wieder auftaucht in den letzten Wochen. Was ist die Ewigkeit? Was ist ein Leben? Was sind mehrere hintereinander folgende Leben? Was ist der Tod? Was ist Wiedergeburt? Was ist die Seele, das Vehikel mit dem wir die Beschränkungen der Zeit überwinden können? Ich habe heute mehr Fragen, als vor zwanzig Jahren, als wir im Strudel des Lebens einfach dahinlebten, mitgerisssen vom Zeitgeist, ohne pausierende Reflektion und ohne die nötigen Stopps, die zum Umdenken zwingen. „Nichts währt ewig“, sagt die dahin rasende Unterhaltungsgesellschaft – „YOLO, You only live once“ das Motto der heutigen Zeit. Falsch und falsch sage ich. Eines währt ewig – auch über den Tod hinaus, unsere Schriften, unsere Lieder und – unsere Liebe.
Das größte Mysterium an dem ich gegenwärtig, in der Halbzeit dieses Daseins zu knabbern habe, ist das Mystische. Die Erfahrungen von Seelenverwandtschaft, Telepathische Ereignisse, Träume, Vorahnungen usw. Empirisch sind diese Dinge vorhanden – in den Alltag hineingeworfen durch die coronabedingte Lücke eben in diesem tauchen Unbewusste Vorgänge auf, die mein Denken so radikal geändert haben wie nichts zuvor.
„Die Liebe endet nimmermehr“, lies der König von Württemberg an die Grabkapelle seiner geliebten über die Tür schreiben, in seiner Trauer um seine verstorbene Frau hatte er sogar die Stammburg seiner Vorfahren schleifen lassen. Heute ist der Ort mein Wallfahrtsort, mein Zuhause, schließlich lebte ich Jahrzehnte lang am Fuße des Württembergs.
Ewige Liebe hat er gespürt – eine größere, als denn im Alltag üblicherweise vorkommend, eine Liebe zu einer wunderbar Wohltätigen Frau. Sie war Russin. Welch Ironie.
Ob nun und wie eine Liebe über den Tod hinaus bestehen kann, ist Gegenstand auch dieses Briefes. Bedarf es wirklich Grabkapellen, um an die ewige Liebe zu erinnern? Lebt sie denn nicht auch in den großen Dramen, sei es nun Romeo und Julia oder Anna Karenina? Was ist diese Erkenntnis der allumfassenden, lebensüberschreitenden Liebe? Wo kommt sie her? Wer oder was steuert sie? Warum ich, warum wir? Um Zeugnis abzulegen über die Herrlichkeit des Metapsychischen? Um zu beweisen, das der Weisheit letzter Schluss weder im politischen Pamphlet noch in den diversen heiligen Schriften zu finden ist? Wozu das Ganze, könnten wir nicht einfach ein normales Leben führen, wie all die anderen Menschen auch? Aber nein, die unerfüllte Liebe, das anbeten der Geliebten im Minnesang macht die Liebe erst unsterblich. Eine andere Frage, ist, ob sich zwei gleichberechtigte Partner finden, die diese Liebe auch (vor)leben können und wollen. Ich habe demletzt Goethes Werther wieder gelesen. Und als Werther möchte ich werder gelten noch enden. Die Ausweglosigkeit in mancherlei Situationen ist oftmals nur eine sich-selbst-vorgespielte. Und des Dramas letzter Schluss kann nicht in einer bemitleidenswerten Opferrolle bestehen. Es gibt immer Alternativen und die Werthersche scheit mir die allerschlechteste zu sein in diesem Moment.

Therapie-Fortschritt. Die Krankheit bekommt langsam eine Figur. Ich kann sie kommen fühlen – und mein Verstand sagt mir, dass ich sie beeinflussen kann. Nochmals ein ärztliches Konzil, damit ich auch richtig mit Medikamenten eingestellt werde – die Notfall-Medikation aus der Entgiftung muss wohl angepasst werden, dem neuen Krankheitsbild entsprechend. „Sie sind auf einem guten Weg“, sagte die Therapeutin just eben. Auf dem Weg ja, bin ich seit mittlerweile zwei Jahren. Aber am Ziel noch lange nicht. Dann wurde ich gefragt, was denn das Ziel sei. Nun, ein neues Leben zu beginnen, vor allem innerlich gesehen. Zuerst kommt die Krankheit, der nagende Schmerz in meiner Brust, die astronomischen Blutdruckwerte, das Herzrasen, der erhöhte Puls, die Panikattacken und der folgende Schwindel.
Ich solle mich dem Trauma stellen – genau in die Situationen hineingehen, die mir Angst bereiten – und offen damit umgehen. Konfrontiere die Krankheit! Nur so kannst Du sie überwinden. Leichter gesagt als getan! Verdammt! Aber ich bin wieder auf dem Weg zur Kontrolle. Obwohl jetzt schon über eine Verlängerung der Therapiezeit offen nachgedacht wird, zumal sich die Diagnosen auch so langsam bestätigen.

Der Krankheit ein Gesicht geben, eine Form, etwas Greifbares, vielleicht sogar einen Namen. Etwas, woran man die Krankheit fassen kann, sie kneten, mit und an ihr arbeiten, ist gegenwärtiger Stand der Dinge. Nicht mehr deren Sklave sein, nicht unterdrückt durch mancherlei gewonnenen Gewohnheit, frei und offen für Neues, was diese Welt zu bieten hat. Und das ist beileibe nicht wenig. Man muss nur imstande sein, es auch zu akzeptieren. In oder nach einer Krise, die ja durchaus auch ihre Berechtigung hat – ohne Krisen und Brüche im Leben gäbe es die Faszination für das Neue ja nicht, auch wenn einem dieses Neue gezwungenermaßen aufgedrückt wird, ist die Krise immer auch Chance, ist Genesung und Heilung immer auch geistiges und psychisches Wachstum. Sofern man es denn zulassen kann. Daran übe ich. Hier im Kokon, im Schutze der Klinik, unter ärztlicher und therapeutischer Aufsicht vollzieht sich die Metamorphose von der fressenden gierigen Raupe zum zarten schillernden Schmetterling. Der fliegen kann, hoffentlich.
Du siehst und spürst die Zuversicht aus meinen Worten, liebe Alte Seele. Wie schon so oft zuvor meistern wir unsere Leben, für wahrlich nicht zum ersten Mal – und wahrscheinlich auch nicht zum letzten.
Wie kann es von hier, vom gegenwärtigen Kenntnis- und Wissensstand überhaupt weiter gehen? Die Antwort auf diese Frage liegt fern wie das Schloss auf der nebligen Insel der Ewigkeit. Ich übe mich wie gesagt täglich im „normal“ sein, tue, was alle anderen auch tun, nur dass ich daneben Dir dieses Tagebuch und diese Briefe schreibe. Welch ein herrlicher Zusatz zur „Normalität“ :) Danke, dass es Dich gibt.

Zwei Monate noch habe ich hier. Wie die Zeit vergeht! Mir geht es deutlich besser, die Krankheit scheint unter Kontrolle, geschuldet nicht zuletzt der behüteten Umgebung hier in der Klinik. Zwei Monate Zeit, das Biest endgültig zu verbannen. Zwei harte aber herzliche Monate noch. Danach geht es wohin? Ich weiß es nicht. Vieles ist möglich, nur ein Zurückkehren zum Alten sicherlich nicht. Gestern in der Kunst-Therapie wurden wir gebeten mit Wachsstiften unser selbst in sechs Monaten zu zeichnen. Ich habe eine imaginäre Regenbogen-Sonne gemalt und einen Weg dahin, nebst einem kleinen Häuschen am See. Allerdings gab es keinen Weg zu dem Haus, es war verwildert und zugewachsen, wie meine Zukunft auch. Interessanterweise fragte mich die einfühlsame Therapeutin, ob ich jemanden verloren hätte – und deshalb so traurig. Nein, habe ich nicht, es sei denn sie meinte mein altes ich, versunken in der stürmischen See der Sucht und den Gefühlen, die damit einhergehen. Es ist besser jetzt.
Aber der Tod relativiert immer noch alles. Ich kann bis heute nicht verstehen, welche dunkle Kraft mich abermals zum Äußersten getrieben hat, wo diese Welt so voller Verheißungen ist. Den Grund für mein Handeln gilt es im Wortsinn zu er-gründen (sic!). Dazu werden zwei vier oder gar sechs Monate kaum ausreichen. Aber es gibt keinen anderen Weg dahin, fürchte ich. Wieder einmal keimt die Seins-Frage in mir. Ich werde dort meine Philosophie-Bücher zu rate ziehen, wo der therapeutische Ansatz an seine Grenzen kommt.
Ich muss duschen und Mittagessen. Bis später.

In der Ruhe liegt die Kraft, sagt man. Aber wenn man ein innerlich sehr aufgewühlter Mensch ist, ist das schneller gesagt als getan. Zeitweilig komme ich zur Ruhe – und dann plötzlich, wie aus dem Nichts sind die alten Dämonen wieder da. Und dann ist der neueste Ratschlag der Therapeuten: Sich dem stellen. Aushalten. Nicht fliehen. Tun, was Du tun kannst – den Rest lernen, einfach zu ertragen. Sagen die so einfach. Schön für sie, immerhin zeichnet sich ein gewisser Therapieerfolg ab. Doch sie kämpfen ja nicht mit denselben Dämonen wie ich es muss. Bedeutungslosigkeit – ja so fühle ich mich. Bedeutungslosigkeit aufgrund selbst verursachter sozialer Isolation.
Isolation wovor? Nun, zum einen vor der Mittelmäßigkeit der Massen, deren Gedankengänge ich nur schwer nachvollziehen kann. So manchem scheint das Motto „fressen, saufen, ficken“ gut genug zu sein, um sich durchs Leben zu ziehen. Für mich ist es das nicht – und mancherlei Spruch von den „lieben“ Mit-Rehabilitanten ist eine schallende Beleidigung für mein geistiges Ohr. Nicht so bei den Therapeuten und Ärzten, dort herrscht eine Sachlichkeit und Höflichkeit mit Respekt füreinander. Denn aus Erfahrung wissen sie, dass diese Krankheit jeden treffen kann, völlig unabhängig von Alter oder gesellschaftlicher Stellung. Sie ist hinterlistig und unfair und taucht in jeder sozialen Schicht gleichermaßen auf. Wobei ich meine soziale Schicht mittlerweile als Lumpen-Intellektuelle begreife. Menschen, die smart sind – von außen betrachtet würde man niemals darauf kommen, dass sie eine Suchterkrankung hätten – die intelligent sind und teils bemerkenswerte Lebensläufe hinter sich haben, bevor sie dann dank des Teufels hier auf dem Abstellbahnhof der Wohlstandsgesellschaft gelandet sind. Ich ziehe meinen imaginären Hut vor jedem, der die Herausforderung einer solchen Therapie sich stellt. Ein Großteil davon besteht doch aus „schmoren im eigenen Saft“, das heißt aus dem Beschäftigen mit sich selbst, seinem Leben, des Scheiterns der Vergangenheit. Aus reinem Spaß an der Freude ist hier niemand.
Man sieht schon beeindruckende Abstürze hier – aber mindestens genau so beeindruckende Wiederkehrungen ins Leben.

Therapie-Alltag. Arztgespräche. Diagnosen. Diesmal vom Chef-Psychiater persönlich. Sehr sehr kompetenter Mann. Das Kind bekommt einen Namen. Bipolare affektive Störung, Mischphase. Verdeckt durch Alkoholkonsum. Sehr gefährlich, Suizidalität liegt bei 30%. Na, da kann ich ja mitreden (der Sarkasmus an der Stelle sei mir verziehen). Das Absetzen der Medikamente ist keine Option, Eine Änderung auf Lithium-Basis sei aber nur in der Akut-Psychiatrie zu machen. Was wiederum wahrscheinlich einen weiteren Klinikaufenthalt nötig machen würde (so meine Einschätzung) – oder eine entsprechende Verlängerung hier. Aber da bin ich ja seitens meiner Suchtberaterin schon vorgewarnt, sie sprach von einem halben Jahr. Nun bin ich also gewissermaßen gefangen mit der Medikation, rauf geht nicht mehr (ich sollte vollkommen ruhig sein bei meiner Dosierung, bin es aber nicht), runter geht auch nicht oder nur in anderem klinischen Setting. So machen wir also weiter wie bisher. Gut, damit muss ich jetzt halt leben. Bewerbungstraining. Gute Sache, aber noch meilenweit weg bei mir. Wir reden von Wiederherstellung in Monaten, nicht Wochen. Aber gut ist, dass jetzt die Erkrankung erkannt ist, und ich Tools und Skills erarbeiten kann und soll, wie mit der Krankheit weiter zu leben ist.
Am meisten plagen mich die Panikattacken. Aus heiterem Himmel stürzt die schwarze Wolke über dich ein, dir wird schwindelig, dein Herz rast, du kannst nicht mehr klar denken, deine Arme und Beine kribbeln und werden taub, du bekommst keine Luft und musst tief atmen. Angst lähmt dich, eine unspezifische Angst vor dem Sterben. Extrem lästig, weil tritt völlig unerwartet auf – im Schlaf genauso wie an der Kasse im Supermarkt oder am geschäftigen Bahnhof. Und ich laufe mit dieser Erkrankung schon seit mindestens zwanzig Jahren durch die Weltgeschichte, die letzte Jahre durch den Alkohol betäubt. Diese Attacken machen das normale Leben unmöglich, weil die Angst vor der Attacke schlimmer sein kann, als die Attacke selbst!
Du merkst schon, liebe Alte Seele: Hier geht es um ernsthafte Dinge. Um sein oder nicht sein. Nicht um Möglichkeiten, im Leben zu existieren, sondern um Notwendigkeiten. Wie sagte Elizabeth, eine gute Freundin und Leidesgenossin einst: Wir sind Engel. Und vor allem: Es gibt keinen anderen Weg. Sie hat recht in ihrer weiblichen Metaphysik – und unsere Verbindung, so seltsam sie auch von außen betrachtet sein mag, ist stark. Wir sind Engel. Ein Satz, den ich niemals vergessen werde.

Ich lese viel hier in der Klinik. Von Psychologie über Verhaltenswissenschaften bis hin zu gemeinen Krimis ist alles dabei. Doch ein Buch erscheint mir nahezu unlesbar zu sein: Doktor Faustus von Thomas Mann. Ich quäle mich durch die Lektüre des Lebens eines Ton-Setzers aus dem frühen 20. Jahrhundert. (In einer Ausgabe gedruckt in der verblichenen Deutschen Demokratischen Republik!) Warum? Weil ich auf der Suche nach dem Bösen in der Welt bin. Ich habe extra eine „Universalgeschichte des Bösen“ gelesen, geschrieben von einem französisch-ägyptischen Professor, der in der Sechshundert-Seiten-Abhandlung die Entstehung des Teufels in allen Weltreligionen beschrieben hat. Sehr informativ,aber über die Ursache des Bösen in der Welt wenig aufschlussreich. Über die Formen Luzifers, Satans oder wie auch immer man ihn nennen mag. Das Wie ist hinreichend belegt, aber nicht das Warum das Böse immer und immer wieder in der Weltgeschichte auftritt. Der aktuelle Anlass für diese meine Suche ist selbstverständlich der unsägliche und wahnsinnige Krieg in der Ukraine, in dessen Angesicht sich die Fratze des Bösen zum wiederholten male zeigt, obwohl wir alle längst glaubten, den Krieg – in Europa zumindest – überwunden zu haben.
Und deshalb auch Doktor Faustus, dieses Monsterwerk, sprachlich wie inhaltlich schwer zu fassen. Immer wieder muss ich in dem Roman pausieren, die Figuren werden zwar ellenlang beschrieben, aber für unsere Fünf-Sekunden-Aufmerksamkeitsspanne sind Manns Schachtelsätze schwer verständlich. Da sitze ich davor wie der Esel vor dem Berg. Aber hilft ja nix. Will der Esel ankommen (ergo der Schreiberling verstehen), muss er halt über den Berg. Weil er nun mal einfach da ist, der Berg. Sobald ich den Roman beendet habe, werde ich vom Ergebnis meiner Suche nach dem Warum berichten.

Was machen wir eigentlich mit meinem Sucht-Tagebuch? Das scheint einen würdigen Abschluss gefunden zu haben. Hat jemand Lust, 300 Stunden Audio-Dateien zu transkribieren? Oder versenken wir das Ganze als gescheiterten Versuch einer Selbstanschauung und -kasteiung im Daten-Nirwana des Internets, welches ja angeblich niemals vergisst? Es wäre schade darum, denn darin steckt sowohl die Geschichte meines persönlichen Niedergangs wie auch meine Rettung durch Dich, Alte Seele. Ein Wenig von Phönix aus der Asche steckt da schon drin. Und eine gigantische Love-Story obendrein.

Mittwoch, im Oktober. Nicht mein Tag heute. Sozialberatung. Es geht langsam voran. Noch immer keine genaue Vorstellung von der Zukunft, aber Wege tun sich auf. Gedächtnistraining am Computer. Gleich einen Bug in der etwas älteren Software gefunden. Ha! Typisch Markus eben. Noch liefert mein Hirn erstaunlich gute Werte, zum Teil exzellente, obwohl ich mich an diesem grau-gelben Herbsttag überhaupt nicht danach fühle. Das beruhigt mich insofern, dass ich nach der Attacke in Polen Schlimmeres befürchtet hatte. Aber die Regeneration scheint zu funktionieren. Nur selbst fühle ich mich noch nicht richtig fit im Kopf. Schon ein seltsames Organ, dieses Gehirn. Wie die Leber – ich habe noch nicht einmal eine Fettleber mehr! Obwohl dein Bewusstsein dir signalisiert „heute nicht“, läuft es anscheinend im Unterbewusstsein auf Hochtouren weiter. Sehr irritierend, der Befund. Außerdem habe ich Kopfschmerzen von dem drückenden Wetter. Ach, wäre der Winter doch schon da. Ich liebe die Kälte, das knisternde Laub unter den Füßen, den Geruch von Gefrorenem.
Fürs Wochenende planen wir einen Spaziergang mit der Gruppe. Acht bis zehn Leute, teils ortskundig. Das ist schön, denn dann sehe ich zum ersten Mal seit sechs Wochen mehr als die Klinik, den Marktplatz und das Einkaufszentrum. Und ich bin nicht alleine unterwegs, sehr gut, denn schon alleine das Einkaufen gehen erfordert eine maßlose Überwindung, die nicht selten in einer Panickattacke abrupt und plötzlich ihr Ende findet.
Da nun der Alkohol weg ist, zeigt sich die darunter liegende Krankheit umso deutlicher. Es ist eine Notwendigkeit das Betäubungsmittel wegzulassen, beziehungsweise durch Medikamente zu ersetzen, um an die Ursachen der Erkrankung überhaupt zu gelangen und deren Symptome, die ja (mit)ursächlich für den Alkoholmissbrauch waren zu bekämpfen. Mit diversen Instrumenten bringt man mir bei, wie ich mich selbst überlisten kann, die Krankheit als solche zu erkennen und die Schübe mit anderen Mitteln als der Flasche zu lindern. Das sind dann die so genannten Skills, kleine Psychotricks, die man anwenden kann, um das Gedankenkarusell der Depression zu durchbrechen. Ich mache ganz gerne Medidationsübungen, male, und schnüffele an japanischem Minzöl, welches ich neuerdings immer bei mir trage. Es kann tatsächlich einen Schwindelanfall verhindern, wenn rasch genug appliziert. Guter Trick.
Auch hier setzt sich der therapeutische Ansatz der Klinik weiter fort – man muss sich selbst verstehen lernen, begreifen, dass das Selbst, welches man sich im Laufe des Lebens zurechtgebaut hat, eben kein monolithischer Block ist, sondern in der Zusammenarbeit verschiedener Subsysteme (Körper, Geist, Psyche) bewusst wie unbewusst sich manifestiert. Jedes dieses Subsysteme kann man adressieren und mit der Vernunft steuern! Auch das Unbewusste ist steuerbar! Automatismen, Gewohnheiten lassen sich mit Hilfe von Techniken steuern. Dieses zu verstehen und wirklich an eigenem Leib und Seele zu spüren bekommen, hilft mir schon jetzt. Man ist sich selbst eben nicht ausgeliefert – wie ja Süchtige oft denken. Die Realität ist so, wie ich mir sie schaffe, zumindest in Teilen scheint ein gewisser Konstruktivismus auch zum Markus nun durchzudringen. (Über dieses Thema habe ich nächtelange Diskussionen mit Studienkollegen geführt). Aber da ist was dran. Wir können die Welt so machen, wie sie uns gefällt. Oder uns aber (wie ich lange Jahre getan habe), uns dem Fremddiktat anderer unterwerfen und uns dann über die Inkompatibilität der Denk-, Fühl- und Handlungsebenen beschweren und diese mittels Ablenkung oder Suchtmitteln zuzukleistern. Mit der Folge, dass immer Reibung entsteht, welche sich in Stress, Burnout, psychischen Erkrankungen bis hin zum suizidalen Verhalten manifestiert.
Das war jetzt geschwollen gesagt, liebe Alte Seele, aber es soll Dir zwei Dinge verdeutlichen: Das Niveau des Denkens in meinem Kopf gerade sowie die Fortschritte die ich hier mache. Es gibt zu viele Banalitäten auf der Welt – und ich wundere mich immer und immer wieder, wenn nicht in Gesellschaft meinesgleichen, über was für Bullshit (entschuldige bitte den Ausdruck, aber er passt einfach) die Leute sich den Mund fusselig reden, über was sie sich freuen und beschweren. Alltägliches Nichts! Denken diese Menschen denn nicht? Und wenn sie denken, warum sagen sie es nicht? Alltäglichkeit ist für mich sehr anstrengend und ich suche meine Befreiung aus dem Banalen eben auf diesem Wege, in dem ich Dich mit meinen Gedankengängen besonders quäle. Weil Du eben verstehst, blind! Das gerade macht Dich so einzigartig in der endlosen Masse der Konformisten. Richard Bach schreibt in „die Möwe Jonathan“ sinngemäß: „Wenn Du einmal das Besondere erlebt hast, wirst Du das Normale nicht mehr vermissen“. Recht hat er.
Nun ist es aber keinesfalls so, dass ich mich zu einem Vorbild für andere dastehen kann, beileibe mit diesem Lebenslauf nicht. „Do not try this at home“, ein gutes Motto für den Konsum dieser Lektüre. Ich erwarte keine sich ergebende Zustimmung. Ich stelle mich auf kein Podest, sondern verstecke mich unter dem Rednerpult und rufe von dort meine Irritationen wie Kassandra einst in die Nacht hinein. Macht mir nicht nach. Macht es besser!
Ich weiß ja noch nicht einmal, was genau ich hier produziere. Ist es nun nur ein Tagebuch? In Briefform? Oder ist es gar Literatur? Wenn ja, was genau ist denn Literatur? Ich denke, dass es unter meinen Lesern den einen oder die andere gibt, die aus manchen meiner Sätze auch so etwas wie Kunst herauslesen können. Das zumindest ist meine Hoffnung. Letztendlich versuche ich etwas Schönheit in die Tragödie – meine Tragödie zu bringen und wünschte mir, dass diese neu in mir erachte innere Erzählerstimme mit meinen Lesern resoniert.
Zeit fürs Abendessen.

Über Beruf und Arbeit und Zukunft wurde geredet im Seminar. Über Fördermöglichkeiten. Ich fühle mich fremd in dieser Welt von Anträgen und Bezügen, schließlich habe ich 22 Jahre lang im gleichen Job gearbeitet. Also betrete ich hier quasi zum wiederholten Male Neuland. Es dauert seine Zeit, sich im bürokratischen Dschungel zurecht zu finden – und noch scheint mir der Neustart ins Berufsleben ziemlich weit entfernt. Aber nochmals, auch hier muss man über den Berg, wenn man den ankommen will, sei der Berg auch noch so beschwerlich. Er ist nun mal da und ich muss hinüber. Aber mein Gefühl sagt mir, ich werde schon ankommen. „Vergeuden Sie Ihre Talente nicht!“, sagte heute die Therapeutin zu mir. Recht hat sie. Die Frage ist jedoch wo und wie ich diese Talente, die gottseidank ja noch vorhanden sind, sinnvoll einsetzen kann. Wir werden sehen, denn Gesundheit geht vor und ich habe viel zu lange in meinem alten Job Raubbau an Körper und Seele betrieben. Das darf sich unter keinen Umständen wiederholen! Es muss eine Stelle sein, auf die ich wirklich will, und nicht so wie bisher im Leben, dass man das nimmt, was einem gerade so mal irgendwo entgegen geschwommen kommt. Was willst Du eigentlich? Ist hier die entscheidende Fragestellung. Immerhin bin ich fit genug, Seminare zu besuchen und auch folgen zu können. Das war vor sechs Monaten noch völlig undenkbar. Ein bescheidener Therapieerfolg also auch jetzt schon hier.

Ich bin müde, Alte Seele. Müde, obwohl ich sehr gut geschlafen habe die letzten Tage. Wirre Träume schäumen aus der Vergangenheit, spülen lang Vergessenes wieder ins Bewusstsein, Menschen, an die lange nicht gedacht wurde. Ob sie wohl noch an mich denken – ab und an? Wer weiß. Über allem liegt ein Schleier des Unmöglichen, Unerträglichen. Ich kann diese Vergangenheit nur schwer ablegen, obwohl mein Verstand mir das Hier und Jetzt in das Denken hämmert. Aber noch sind die Verletzungen zu frisch, die Wunden kaum vernarbt, die Schmerzen zucken durch mich, körperlich wie seelisch, und die Tabletten mindern ihn kaum. Aushalten! Gilt es jetzt. Aushalten und das Unweigerliche hinnehmen. Das tut weh.

Panickattacke! Sonntag Nachmittag, ich wollte gerade etwas spazieren gehen, da trifft es mich mit voller Wucht. Schwindelanfall. Ich kann kaum gehen. Es fühlt sich an wie der Tod. Ich habe Sterbensangst. Mein Verstand sagt mir, dass nichts passieren wird (solange ich nicht umfalle, was durchaus passieren kann…) WOW. Nun fängt mein Körper an zu zittern, ich habe einen metallenen Geschmack im Mund und alles dreht sich. Dabei ist nichts vorgefallen, mir ging es heute Morgen noch gut! Was für ein Mist. So kann ich nichts tun als mich in meinem Zimmer zu verkriechen, abzuwarten, dass es vorüber geht und Dir diese Zeilen schreiben. Es MUSS doch eine Medizin geben, gegen das alles hier! Diese Attacken machen mir ein normales Leben fast unmöglich.
Es lässt an Größeres denken, an Leben und Tod, zumal es sich wie der Tod anfühlt, jedes Mal. Mit der Abstinenz wird es täglich schlimmer, Ich muss bei den Ärzten intervenieren. Ich kann unmöglich so weiter leben! Manchmal wünschte ich, dass alles zu Ende wäre, vor allem diese verdammten Attacken. Ich tue alles, was die Therapeuten mir auferlegen – vergebens. Zum Glück bin ich in der Klinik und Hilfe ist nah.
Nun muss ich Dich doch mit ein paar Gedanken zum Tod quälen, Alte Seele, nachdem er wieder einmal bei mir vorbei geschaut hat. Der Tod, das endgültige Aus. Keine Geschichten mehr, keine Gedanken, nur noch das weiße Licht. Ja, ich habe es wieder gesehen, das Licht. Im nüchternen Zustand, eines Nachmittags, lesend lag ich auf meinem Bett, da kam es daher. Zunächst nur im Augenwinkel, dann immer stärker werdend, bis es mich plötzlich komplett blendete und ich meinen Körper verlassen habe. Völlig unerwartet, aus dem Nichts heraus verabschiedete sich mein Bewusstsein vom Hier und Jetzt in andere Sphären. Es weilte nur kurz. Aber überdeutlich – und es zauberte ein mildes Lächeln auf mein geschundenes Gesicht. Der Tod (als was ich diese Erscheinungen deute – ich kann natürlich auch falsch liegen und es kann das Licht der Lebens sein, welches ich da sehe) kann schmeicheln und mein Körper scheint sich gegen diese Schmeichelei wehren zu wollen. Ich wünschte mir nur eines. Dass es endlich vorbei wäre. Aber in Wirklichkeit wird es gerade wieder schlimmer. Daher ist definitiv die Klinik für mich der richtige Ort gerade in diesem Moment. Das ist die Zwickmühle, in der ich stecke. Es geht nicht mit den Medikamenten. Es geht aber noch weniger ohne.
Heute geht es lang. Ein beißender Schmerz durchzieht meine Linke Seite, wie ein Krampf. Dasselbe erlebte ich am Tag meiner Anreise hierher, am Bahnhof in Stuttgart. Es fühlt sich an wie ein Muskelkrampf im Inneren, an der Seite des Brustkorbs, in den Rücken hinein. Ein paar Ibuprofen müssen da Linderung bringen. Mein Herz rast und ich habe Angst. Eine indifferente, nicht spezifische Angst. Es fühlt sich wirklich an wie Sterben. Solche Schmerzen wünschte ich niemandem. Noch nicht mal meinem ärgsten Feind.

Dienstag. Zur Abwechslung fühle ich mich mal gut. Die Spätfolgen der Panickattacke am Sonntag klingen langsam ab. Noch nie hat es so lange gedauert, bis die Krämpfe mal endlich nachlassen. Je weiter der Alkoholismus zurück liegt, desto schwerer werden die Attacken. Am Sonntag war ich völlig außerstande irgendwas zu tun, außer mich der Panik hinzugeben und abzuwarten, dass sie abklingt. Beim nächsten mal gehe ich auf die medizinische Station und hole mir einen Arzt zu Hilfe. Ich fürchte, das wird nicht die letzte Attacke dieser Art gewesen sein.
Ich zeichne meine „Lebenslinie“ für den Vortrag vor der Gruppe. Sich mit seinem Lebenslauf zu beschäftigen und über das verlebte Leben sich Gedanken zu machen ist ein Teil der Therapie. Ganz deutlich sieht man in dieser Linie die Höhen und Tiefen des bisherigen Lebenslaufs. Ich habe Grafiken angefertigt, mit Datenpunkten versehen, Variablen Familie und Arbeit eingefügt und das mit dem Konsumverhalten korreliert. Deutlich sieht man das Fortschreiten und den Verlauf der Krankheit über die Jahrzehnte. Ich schleppe diese verschiedenen psychischen Störungen seit Jahrzehnten mit mir herum – teilweise unerkannt.
Das bring mich auf den Gedanken was denn nun Erfolg im Leben ist. Geld verdienen, Karriere haben, Macht? Oder dass ich ein Kind erfolgreich in die Welt gebracht und erzogen habe? Eins ist mir völlig klar geworden – ich habe nun mal diese Krankheiten und kein Geld der Welt kann mir Gesundheit kaufen! In diesem Sinne habe ich in der Vergangenheit zu wenig auf mich selbst geachtet und immer zumindest zeitweise mehr das Leben für andere gelebt und nicht für mich selbst. Das wiederum hat zu enormem inneren Druck geführt, dem ich sowohl körperlich wie auch psychisch nicht länger gewachsen war und bin. Nur wenn ich schaffe, diesen immensen Druck aus meinem Inneren zu mildern, kann wahre Genesung eintreten. Dazu bedarf es der dringenden Änderung meiner inneren wie äußerlichen Lebensumstände, wo und wie auch immer geartet diese Veränderung nun stattfinden wird. Ich sehe derzeit noch keine klare Alternative als „zurück zum Alten“ in neuer, veränderter Form.
Dass der Alkoholismus a) schon seit meiner Jugend geprägt ist b) mehr Symptom als Ursache meines Leidens ist, ist mir auch klar geworden. Die Wurzel des Übels hat sich nur so manifestiert, den Seelenschmerz trage ich auch ohne den Alkohol. Angststörungen und Panikattacken haben ihre Wurzeln weit tiefer liegend, bis in die frühe Kindheit hinein. Und erst jetzt in der „Midlife Crisis“ kommen diese Ursachen als sich manifestierendes Krankheitsbild zum Vorschein.
Dass ich die in der Kindheit erworbenen Krankheitsursachen nicht verschwinden lassen kann, ist klar. Aber man kann sie benennen und offenlegen. Und versuchen(!) damit zu leben, ohne dass das Verhalten in die eine oder andere Richtung gleich überschlägt.
Was aber soll nun das Ziel im neuen Leben nach dieser Einsicht sein? Wo ich stehe, weiß ich jetzt. Aber wo soll ich noch hingehen? Was das schon alles, was dieses Leben zu bieten hatte und ist alles jetzt Folgende nur ein dahinsiechen und lamentieren um eventuell verpasste Chancen? Ich hoffe nicht. Ich genieße die Zeit der Reflektion und der Besinnung und nutze gute Tage wie diesen zur Analyse und Verarbeitung des Vergangenen im Hinblick auf das Kommende.
Gut wäre es, wieder einen Beruf zu haben, Arbeit auszuüben, die Spaß und Freude bereitet. Kollegen, mir denen man gerne zusammenarbeitet hin auf ein größeres Ziel. Auch in meiner beruflichen wie schriftstellerischen Tätigkeit benötige ich ein großes Leitmotiv. War es früher der Kampf des Einzelnen für seine Freiheit – vor allem im politischen Raum, so kann es jetzt vielleicht der Kampf für seine (und meine) körperliche und vor allem geistige Gesundheit sein?
Veränderung ist das Wort dieser Tage. Veränderung tut Not und vor allem auch weh. Es ist schmerzhaft, alte Gewohnheiten zu ändern und wohl Bekanntes loslassen zu müssen, ohne zu wissen wohin die Reise führt – zu welchen Gelegenheiten und zu welchen Menschen.

Zeit. Man schenkt mir Zeit in dieser Therapie. Zeit, um mich aushalten zu lernen, ohne die Droge. Das klingt zunächst abwegig. Aber es ist mit eine der schwierigsten Übungen hier. Lernen, mit sich selbst zu leben, ohne die Verantwortung auf irgendwelche Substanzen zu schieben. Alles neu definieren. Die Wunden zu lecken und langsame(!) Heilung zu erfahren. Immer wieder ertappe ich mich in alten Gedankengängen und Verhaltensmustern. Hier ist alles anders und nach zwei Monaten verschwimmt das Alte jedoch so langsam am Ereignishorizont. Ich muss aufhören, das alte „was wäre gewesen“-Spiel zu spielen und umstellen auf das „was kommt jetzt“-Spiel. Das Schlimmste ist vorbei, zum Glück, und es kehrt nicht wieder, wenn ich mich selbst nicht dahin provoziere. Es klingt so einfach: „Lass es und gut wird’s“ ist viel leichter gesagt als getan. Getan wird viel zu wenig angesichts der drückenden Sorgen zu Hause, aber das liegt gewollt außerhalb meiner derzeitigen Reichweite. Die sinnlose Existenz weicht einer sinnvollen. Der Tod schwebt im Raum, aber weiter weg. Affektive Handlungen sind mit der Medikation auch nicht zu erwarten. Genesung tritt ein. Ablösung von Krusten der Verzweiflung. Hört sich alles sehr einfach an, ich weiß, Alte Seele. Oh, wenn es das nur wäre. Ich kann mir eine gesunde Zukunft zwar vorstellen, aber ich scheine den Weg dahin nicht zu erkennen, weshalb ich mich in dem täglichen Strom von Therapien, Essen gehen, Waschen Meditieren, Lesen, Schreiben treiben lasse, wohl dessen bewusst, dass in meinem Unterbewusstsein ein heftiger Prozess des Umdenkens vonstatten geht, der bei weitem nicht abgeschlossen ist. „Gut Ding will Weile haben“, lautet der Spruch. Oh, ja.
Manchmal zweifle ich an mir selbst. Zwar werde ich auch hier auf meine besonderen Begabungen hingewiesen und daran erinnert, dass die menschliche Existenz eben vielerlei Ausprägungsformen haben kann. Andererseits passen die Normungsversuche der stationären Behandlung nicht so ganz auf mein Lebensschema. Ich habe ein Publikum, doch manchmal bezweifle ich die Sinnhaftigkeit meiner Lebensausführungen. Wen interessiert’s? Nur Freunde und Bekannte – oder doch ein paar Seelen mehr? Ich suche also nicht nach Anerkennung, sondern nach Relevanz.
Im Tätlichen vermisse ich den Antrieb, mich zu hundert Prozent auf eine Sache zu konzentrieren, eine Begeisterung des Neuen bleibt bislang aus. Nicht, dass hier nicht alles mögliche versucht würde, diese fatale Ausgangslage zu lindern – es kommt bei mir eben nur sehr langsam an. Manchmal bezweifle ich sogar meine Therapiefähigkeit, kein gutes Zeichen, wenn man überlegt, dass draußen in der Welt solcherlei Zweifel durchaus zum Rückfall in Altes führen. Dubito ergo sum. Ich zweifle, also bin ich, um den kartesischen Spruch abzuwandeln.

In meinen Lebenslinien zeige ich einige Sollbruchstellen dieses Lebens auf, darunter vier versuche, mein jämmerliches Dasein (was ein solches selbstverständlich nur in der Innensicht ist) zu beenden, allesamt erfolglos. Und trotzdem beschäftigen mich diese Sollbruchstellen des Lebens weiterhin, beziehungsweise der dahinter liegende Wunsch, dieses Leben zu beenden und in einer anderen (höheren?) Daseinsweise zu existieren. Ich möchte hier nicht den ganzen esoterischen Humbug anführen, der um das Thema gemacht wird. Nein, hier geht es um Fragen des Seins an sich. Warum zum Beispiel habe ich das Recht, in einer Wohlstandsgesellschaft zu leben und andere nicht? Was macht das vordergründige Wohlstandsleben so abweisend, so unerträglich, dass man aus ihm freiwillig scheiden will?
Unerfüllte Liebe, wie bei Goethes Werther, kann es nicht sein. Denn ich habe erfüllte Liebe erfahren. Ich gestehe jedoch, dass ein gewissen Hang zur Minnesängerei eine Charaktereigenschaft meiner ist und dass aus diesem Liebesschmerz auch Lieder und Texte entstehen. Doch ursächlich für meinen Aus-dem-Leben-Scheidungswillen ist diese unerfüllte Liebe keinesfalls – eher noch spornt sie mich zu neuen Gedichten und Texten an. Es muss also etwas Anderes, Tieferes sein, was mich immer und immer wieder an den Rand des Lebens führt. Sind es die fantastischen Bilder und Erfahrungen in Nahtod-Erlebnissen? Ist es die spirituelle Mystik, die sich automatisch mit solchen Ereignissen verbindet? Ist es die Grenz-Erfahrung an sich, die mich immer wieder an die Grenze dieses materiellen Lebens bringt?
Ich habe mehr Glück als Verstand gehabt mit diesen Ereignissen – und in diesem Leben überhaupt. Noch bin ich organisch gesund, alle Leiden sind wahrscheinlich reversibel, obwohl der Raubbau an diesem Körper doch beachtlich war.
Wenn nun aber die Liebe als Scheidungsgrund aus dem Leben sich ausschließt, was ist dann der Grund für das Nichtlebenwollen? Die Ursache hinter dem selbstzerstörerischen Verhalten (zu dem ich die Sucht ausdrücklich zähle, schließlich habe ich ja oft genug versucht, mich tot zu saufen). Woher stammt dieser innere Schmerz, der mich veranlasste, mir die Pulsader auf zu schneiden? Manche sagen, es wären Sucht und Depressionen. Die Rückfrage muss dann sein: Und wo kommen die her? Wir wissen es nicht, es lässt sich nur erahnen. Fakt ist, dass dieser Selbstzerstörungswille seit mindestens vierzig Jahren existiert, spätestens mit Beginn der Pubertät kam er zum Ausdruck. Die meisten Menschen leben gerne. Für mich war und ist das Leben eine Qual, Es ist, als ob dieses Leben meine geistige Entwicklung eher hemmt als fördert.
Nun suche ich Rat und finde leider nur wenig richtig Hilfreiches. Das Lesen manch ähnlicher Biographien hilft zum Verständnis der Nicht-Einzigartigkeit. Da aber so manche Biographie auch in der totalen Katastrophe geendet ist, ist auch diese Lektüre nur bedingt hilfreich.

Lebenslinien habe ich zeichnen dürfen. Gar nicht so einfach, ein gesamtes Leben als Grafik darzustellen. Aber es ist gelungen – und sogar ein positives Fazit habe ich ziehen können, trotz der Phasen der Trunkenheit überwiegen noch die positiven Lebensphasen. Also nicht alles war schlecht im alten Leben – nur der Schlussakkord war eben daneben. Es war keine einfache Aufgabe 53 Jahre Lebenslauf in 40 Minuten zu packen. Ich habe mich selbst gescored, Punkte vergeben für jedes Lebensjahr, für mein Trinkverhalten, Familie und Beruf als Variablen gegeben, die Punkte für jedes Jahr addiert und eine Summenlinie gebildet. Und siehe da – das vermeintlich so verkorkste Leben hat immer noch seinen Schwerpunkt auf der positiven Seite. So schlecht also war es gar nicht, bis auf die exzessiven Phasen des Trinkens: Mit 14-16, an der Universität und jetzt dann die letzten acht Jahre bis hin zum totalen Kollaps. Selbstmordversuche habe ich vier notiert in der Lebenslinie (weiß Gott, es sind aber einige mehr) die klinisch nachweisbar sind. Mit 16, mit 30 und jetzt mit 50 bzw. 53 Jahren. Bemerkenswert ist, dass diese immer im Zusammenhang mit Alkohol und Tabletten erfolgt sind und immer nach durchschreiten einer tiefen Depression. Ich kann sehr schlecht mit Verlusten umgehen, das lerne ich daraus. Eine Grafik füge ich noch hinzu.
Es ist Montag Ende Oktober und das Wetter ist schön. Die Wochen hier vergehen wie im Flug. Ich hätte noch so viel zu tun, doch leider schränkt meine Gesundheit mich ein. Die Tabletten machen müde und die Panikattacken nehmen im Laufe der Zeit zu. Warum auch immer. Letzte Woche habe ich einen Tipp vom Chefpsychologen bekommen, ich solle doch eine Plastiktüte mit mir tragen, in die ich atmen kann, wenn die Panickattacke kommt. Um die Gefäße im Hirn zu weiten, denn die Hyperventilation führt zu viel Sauerstoff ins Hirn, was wiederum angeblich den Schwindel verursacht. Das kann ich nur schwer nachvollziehen, da die Attacken ja oft in vollkommener Ruhe auftauchen, nach dem Stress.
Stress machen wir hier auch künstlich. Ich bin eingeteilt worden zur Arbeitstherapie in den Bereich Büro/EDV, zwei volle Arbeitstage mit allerlei Aufgaben aus dem Geschäftsleben. Rechnungen schreiben, einen Artikel, Bestellungen etc. Ich komme gut damit zurecht, allerdings bin ich noch etwas langsam im Tippen – bin es einfach nicht mehr gewohnt acht Stunden am Rechner zu sitzen. Auch der Rücken macht etwas Probleme, zeitweilig leide ich unter heftigen Schmerzen. Aber auch dagegen gibt es, man rate mal, wieder eine Pille. Ich arbeite eben so gut es geht – aber dir Rückkehr an einen reinen Büroarbeitsplatz scheint mir eher nicht möglich in diesem Moment. Wir werden sehen, was die nächsten Wochen diesbezüglich bringen werden.
Insgesamt bin ich ganz frohen Mutes, was diese Therapie und deren Erfolg angeht, auch wenn manchmal die Zeit etwas lang wird, in denen ich aufgrund der Krankheit wenig bis gar nichts machen kann. Aber: Ich habe gelernt, diesen Leerlauf zu überbrücken, ich erkenne das krankhafte Denken und kann es fassen, es verstehen – und ich entwickle Methoden, um es in Grenzen zu halten. Was hier nun zum Vorschein kommt, hat seine Wurzeln weit in der Kindheit und Jugend – und das ist nun mal in ein paar Monaten nicht so einfach weg zu therapieren. Die Innensicht und Einsicht in das wahre ich, die Beschäftigung mit mir und meinem Ego nehmen im Denken viel Platz und viel Zeit ein. Und so manches vergessen Geglaubtes kommt wieder ans Tageslicht. Glücklich bin ich damit nicht, aber auch nicht alleine, den anderen in der Gruppe ist es im Leben ganz ähnlich ergangen. Bilanz ziehen tun wir alle. Um uns gegenwärtig zu werden, wer wir eigentlich im innersten sind.

Mittwoch Nachmittag. Ich nötige mir eine Stunde ab zum schreiben. Die Arbeitstherapie findet am PC statt, fingierte Aufgaben in Word und Excel sind zu lösen, ziemlich kniffelige dabei. Aber es macht Spaß, wieder einen ganzen Arbeitstag am Rechner zu sitzen. Zunächst ungewohnt und unsicher gewöhnt man sich schnell ans alte Arbeitsmuster wieder ein – die Frage ist nur, ob das sinnvoll ist, denn zum Alten soll es ja eben nicht zurück, sondern in Neues gehen. Ich esse einen Apfel. Mittlerweile lasse ich das eine oder andere Essen aus, um nicht über Gebühr zuzunehmen. Auch eine Art von Therapieerfolg. Es ist also alles beim Alten und nichts ist beim Alten, in mir gären die langfristigen Prozesse, die eine solche Entwöhnungsbehandlung mit sich bringt. Ich muss achtsam sein und auch bleiben, um mit den verschiedenen Erkrankungen zurecht zu kommen. Deren Schichten und Ausprägungsformen lerne ich erst hier kennen, nach Jahrzehnten der Suche nach der eigentlichen Ursache für den Raubbau an sich selbst und den schlussendlichen Vernichtungswillen.
Ich bin allergisch gegen die Atemmasken, die wir hier in der Klinik den ganzen Tag tragen müssen. Rote Flecken breiten sich aus auf den Backen, der Stirn und um den Mund herum. Made in China, wer weiß, was für Gifte in den schwarzen Ungetümen so verborgen liegen. Ich jedenfalls reagiere allergisch darauf und wünsche mir mehr Luft zum atmen. I can’t breathe mal anders.

Schokolade macht die Allergie noch schlimmer. Also muss ich wählen: Entweder ich esse meine geliebte Schokolade, oder ich renne am nächsten Tag herum, der Kopf so rot wie ein Feuerwehrauto! Keine einfache Entscheidung, nicht wahr? ;) (Sarkasmus)

Also heißt es: Verzicht üben! Als ob ich nicht schon gezwungen wäre, Verzicht zu üben, erteilt mir das Leben eine weitere Lektion. Schokolade oder Rotkopf! Was für eine Demütigung. Das Gute an so einer allergischen Reaktion ist, dass sie am Tag darauf auch wieder verschwindet. Aber die Lektion sei gelernt.

Mit den Allergien ist es so eine Sache. Ich leide seit Jahrzehnten darunter. Mal sind es Paranüsse, dann Kirschen oder Pfirsiche, Waschmittel oder Seifen. Und jetzt eben Schokolade. Na, mir scheint auch nichts vergönnt zu sein und der Ruf nach körperlicher wie geistiger Askese rückt täglich näher. Aber ich will gar nicht zum einsamen Mönch in seiner kargen Schreibstube mutieren, obwohl das dem Schreiben sicherlich zuträglich sein kann. Nur ich und der Computer. Keine Ablenkung, kein Spaß, nur denken, fühlen und schreiben. Was brauche ich mehr? Eigentlich nichts. Doch nach der Askese-Übung wäre ein nach Hause kommen in Deine warmen Arme etwas Wundervolles, etwas was mir sehr fehlt und etwas, nach dem ich mich doch arg sehne.

Manchmal überlege ich mir, was ich hier eigentlich mache. Und warum ich es mache. Ich könnte ja auch einen Krimi schreiben oder einen Polit-Thriller aus meiner Erfahrung. Oder eine schnulzige Lovestory oder gar einen erotischen Roman. Tue ich aber nicht. Denn ich schreibe Dir, liebe Alte Seele diesen Brief. Weil Du mir wichtig bist. Weil ich meinen Weg aus dem Dreck der Sucht beschreibe. Und weil Du mir dabei hilfst.

Der vierte Zimmernachbar in sechs Wochen! Anscheinend habe ich ein Rotationszimmer erwischt. Grmph. Richtig kennen lernen kann man in der Zeit niemanden. Das ist schade, denn zu zweit heilt es sich besser und man müsste die Kennenlern-Rituale nicht jedes mal aufs Neue vollziehen. Aber nun gut. Das Leben ist kein Zuckerschlecken und ich jammere auf hohem Niveau.

Ansonsten ist alles beim neuen Alten, der Klinikalltag zieht sich so hin. Der Mensch gewöhnt sich bekanntermaßen ja an alles, so auch an das hier. Obwohl ich genau weiß, dass der Alltag hier nur temporärer Natur ist, schleicht sich Routine in die Abläufe hinein. Aber auf Dauer täglich mit seiner Krankheit und seinem eigenen Versagen konfrontiert zu werden, ist ein hartes Stück Arbeit. Kein Wunder, dass so viele die Therapie nicht durchstehen und vorzeitig abbrechen. Ich nicht. Nein, es gibt Gründe, warum das so lange gehen muss – und die sind in unserem Hirn zu finden.

Das limbische System steuert Emotionen und Triebe. Und was wir versuchen, mit der langen Therapiezeit ist, dieses System (welches ja fehlgeleitet in die Sucht geführt hat) zu beeinflussen, neu zu kodieren. Dieses Unterfangen ist extrem schwierig, weil das System weitestgehend unbewusst arbeitet und die in diesem System verankerten Verhaltensmuster extrem tief in unserem Tun verankert sind. Direkt darauf zugreifen kann man nicht, aller höchstens im Traum oder in Trance oder mit Hypnose. Mittelbar lassen sich die im limbischen System ablaufenden Prozesse aber durch wiederholte Handlungen beeinflussen. Daher auch die strikte Tagesroutine hier mit festen Mahl- und Ruhezeiten. Mir gefällt das im Prinzip nicht so ganz, weil auch die Kreativität darunter leidet und man gar nicht in die gewünschte Schreib-Atmosphäre gelangt, dir ja von außerordentlicher Emotionalität gekennzeichnet ist.

Samstag, der Tag ist ruhig. Einkaufen, zurückkehren in die Welt da draußen, wenigstens für ein paar Minuten. Ich habe Zahnschmerzen, auch das noch. Aber das wird schon wieder. Ich denke an den ultimativen Gedanken – an die Rückkehr ins gute Leben. Ich bin mir unschlüssig, ob es diese jemals geben wird und wie sie dann aussehen kann. Rückkehr, wohin? Nach Hause wo das Altbekannte wartet, mit den bekannten Folgen? Eher unwahrscheinlich. Rückkehr ins Büro-Hamsterrad, welches mich krank gemacht hat? Eher unwahrscheinlich. Rückkehr in etwas Neues, nun mit erweitertem Horizont? Vielleicht. Vielleicht weiß ja die Suchtberatung ja einen nächsten Schritt. Noch werde ich die nächsten Wochen hier im geschützten Kokon der Klinik verbringen. Aber das Leben draußen ruft – und ich fühle mich so langsam dem auch wieder gewachsen. Die Arbeitstherapie hat gut getan. Ich habe alle Aufgaben erledigt – in der Hälfte der Zeit! Nun ist die Frage, mit was wir die vorhandenen Stunden füllen. Zum Glück gibt es Internet und ich kann noch mehr über meine Krankheiten recherchieren.

Banane essen. Nachdenken. Ich hatte Gedanken sowohl an den Rückfall als auch an Selbstmord. Diese Gedankengänge muss ich lernen auszuhalten und sie da hin schieben, wo sie hingehören – in den Mülleimer der Geschichte. Aber sie kommen, sind präsent. Manchmal ist es unmöglich, sie zu verhindern.

Das Gute ist manchmal eben die Abwesenheit des Bösen, welches sich bei mir nun in derlei Gestalt zeigt. Ich weiß nicht, woher es kommt und warum es mich trifft. Ich kann mir ein Leben, welches eben nicht das gute Leben (Arbeit, Frau und Kinder) kaum vorstellen, ich will einfach nicht im Sumpf der Erkrankung stecken bleiben und dahin gerafft von Alkoholismus und Drogenkonsum sterben. Gleichzeitig aber kann ich die Krankheiten weder verleugnen noch beseitigen. Mir fehlt nur der Lebensgrund , das warum. Den sehe ich derzeit noch nicht.

Du magst Dich fragen, liebe Alte Seele, was geht da in dem Menschen vor, der an sein selbst verursachtes Ableben denkt. Eine vertrackte Fragestellung. Zumal ich auch daran mehrfach gescheitert bin. Ja, gescheitert.

Mittagessen. Suppe, wie immer Samstags. Freitags Fisch, Samstags Suppe. Sonntags Braten. Und Freitag abends Schweinemett. Man gewöhnt sich an den Rhythmus. Das Essen ist gut und es gibt reichlich. Wenigstens etwas Fürsorge von Vater Staat. Vielen Dank auch!

Manchmal überlege ich: Was wäre wenn. Was wäre, wenn ich nicht mehr krank wäre? Wo würde ich sein, wie würde ich leben? Bestimmt anders. Die Fragerei ist allerdings mehr als müßig. Sie sind nun mal da, die Krankheiten, basta. Man muss das Beste daraus machen, den Rückgängig ist die Krankheit nicht. Aber sie ist zu stoppen! Wenn ich jetzt aufhöre, kann ich immer noch, gottseidank, eine normale Lebenserwartung haben. Nach all den Eskapaden?! Ein mittelprächtiges Wunder ist das!

Sonntag, alles ruhig. Ich hatte letzte Nacht wieder Rückfallgedanken. Warum denn nicht zurück in das Wohltuende Eremiten Leben mit mir und dem Wein? Und sich weiter suhlen im Selbstmitleid und der Depression? Lass doch dieses Leben dahin siechen, es ist doch eh vorbei. Du hast ein Leben gehabt und es aufgegeben, Was ist daran so schlimm? Völlig unmöglich, diese Gedankengänge. Aber sie gehören zur Krankheit und sind nun mal da.

Der Selbstmord. Ach ja, gerade heute hat sich wieder ein ehemaliger Kinderstar mit Drogen ins jenseits geschossen. Mit 34 Jahren, hinterlässt ein kleines Kind. Nicht jedem ist es vergönnt, auch die tiefste aller Krisen zu überleben. Der Gedanke an Selbstmord begeleitet mich seit dem ich sechzehn Jahre alt bin und mehr als einmal war ich dem Tod sehr nahe. Das letzte Mal liegt schließlich nur ein paar Monate zurück. Ich habe mir im Affekt die Pulsadern aufgeschnitten, weil ich es nicht geschafft habe, nüchtern zur Tagesklinik zu erscheinen. Das zeigt die Intensität dieser Krankheit, sie geht so weit, dass man sogar das eigene Dasein opfert. Zum Glück habe ich es überlebt – und kann nun aus Sicht eines Insiders berichten.

Der Selbstmord ist das ultimative Mittel, welches auf den ersten Blick alles heilt. Die Versuchung und Verlockung, seinem Leben von eigener Hand das Ende zu bereiten, liegt in der Versprechung von Erlösung. Kein quälen mehr. Keine Schmerzen. Keine Panikattacken. Keine Lähmungen. Kein Kampf. Sondern, so gewünscht, ein Schweben in eine schmerzfreie Ewige Ruhe. Nur. Zu schön, um wahr zu sein! Steht der Tod dann tatsächlich vor einem, da wird man plötzlich doch sehr nachdenklich. Auf einer anderen Bewusstseinsebene habe ich es gerade so noch geschafft, den Notarzt zu holen, als die klaffende Wunde Blut an alle Wände spritzte. „Es ist endlich so weit“, sagte der kranke Teil in mir. Es ist vorbei. Nein! Ist es nicht, brüllte das Instiktwesen in mir und wählte den Notruf und dank glücklicher Umstände und einem funktionierendem Rettungswesen war der Notarzt zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Warum habe ich das getan? Magst Du fragen, Alte Seele? Obwohl ich doch schon das Tal durchschritten hatte und auf einem guten Weg? Ich weiß es nicht. Im Affekt gehandelt, geboostert durch Alkohol und Tabletten wollte ich nur noch, dass das Kopfkino aufhörte. Ich sah keinen anderen Ausweg als die letzte Tür zur Ewigkeit zu nehmen. Außerdem spürte ich nichts, als den Wunsch zu sterben. Da war Schmerz, von den Stichen und den Verbrennungen, die ich mir selbst beigebracht hatte. Aber der rasende Seelenschmerz übertraf jede körperliche Empfindung bei Weitem. Ich wollte dieses irdische Dasein nicht mehr und wollte zu Gott oder der höheren Kraft – und meinte mir wäre es vergönnt, die Abkürzung ins Paradies zu nehmen. Das, liebe Alte Seele war natürlich ein Trugschluss. Durch Selbstmord nimmt man keine Abkürzungen – schon eher dreht man dann Extraschleifen in einer neuen, noch schlechteren Existenz.

Ich muss ausdrücklich betonen, dass keine Kraft von außen mich gesteuert oder in den Selbstmord getrieben hat. Auslöser waren ausschließlich innere Faktoren in meiner Seele. Einzig ich allein bin verantwortlich für das Geschehene.

Rückgängig zu machen ist das alles nicht – aber ich habe daraus etwas gelernt. Dass ich so etwas wie einen Schutzengel habe, mindestens vier mal Nahtod erlebt zu haben, ohne zu gehen. Obwohl ich es eigentlich so wollte. Da ist etwas, nachdem wir von hier scheiden. Und dieses Etwas birgt seinen ganz eigenen Reiz, den wir Grenzgänger immer und immer wieder spüren (wollen). An diesem Etwas muss sich alles messen, was noch im Leben kommt. So ein Ereignis hämmert einen Pflock in eine Seele, an dem sich alles, wirklich alles messen lassen muss.

Ich war und doch bin ich, immer noch oder schon wieder. Das ist der Maßstab ans Leben. Sein oder nicht sein. Die größte Fragestellung für ein einzelnes Individuum, die man sich überhaupt stellen kann. War ich die ersten Male ein Getriebener, der Umstände oder der seelischen Verletzungen, so war ich diesmal der Treibende. Nichts von außen hätte diese Eskalation notwendig gemacht, so „schlimm“ stand es um mich nie. Aufmerksamkeit wollte ich auch keine erregen, sonst hätte ich das nicht zuhause im stillen Kämmerlein getan. Nein. Ich wollte meine Seele den nächsten Schritt gehen lassen (der ja unausweichlich irgendwann folgen muss).

Im Moment ist es gut, dass ich alleine bin. Denn ich muss verzeihen und vergeben – mir vergeben. Es ist nun mal passiert, was passiert ist. Dafür gibt es gute Gründe, genauso wie es eben gute Gründe dafür gibt, dass es weiter geht. Noch habe ich meine Bestimmung nicht erfüllt, noch darf ich das göttliche Licht ab und an sehen, es bewundern, aber noch ist es zu früh, ein Teil davon zu werden. Noch warten Aufgaben auf diese Seele in diesem Körper. Und vor allem, noch habe ich Dich nicht bei mir.

Anscheinend sind wir noch nicht dafür bereit. Oder aber es klappt in diesem Leben nicht mehr. Auch Okay. Dann eben im nächsten. Die Vorstellung einer unsterblichen Seele in einem sterblichen, das Bewusstsein der Unsterblichkeit eines Teils von mir bringt unendlich viel Trost in dieses Leben. Die Erwachung dahin aber ist ein langer steiniger Weg, den nicht viele beschreiten dürfen. Man könnte es so formulieren: Im Kreislauf der Dinge ist ein Ende immer auch ein Anfang. Wir dürfen das ich nicht so hoch hängen, dass es Maß aller Dinge wird – ist es nicht! Das ich ist nur ein Teil des Menschseins, neudeutsch ein Layer, eine Schicht, wie wir auch in der Neurologie jetzt gelernt haben.

Das Bewusstsein schafft seine eigenen Regeln. So aber das Unterbewusstsein auch – und diese gehen nicht immer Hand in Hand – wie wir am Beispiel psychischer Erkrankungen ja klar erkennen können. Der Sinn einer solchen Therapie hier ist es nicht, dass ein Therapeut dich heilt. Sinn ist es zu erkennen, dass nur du alleine in der Lage bist, dich selbst zu heilen. Heilen im Sinne, dass du erkennst, dass dein Menschsein mehrere Schichten beinhaltet, dass du auf mehreren Bewusstseinsebenen funktionierst. Dass du eine Sozialisation erlebt hast mit anderen Menschen – gut und schlecht – um zu lernen, auf die höheren Bewusstseinsebenen zu gelangen. „Mensch, erkenne dich selbst“ stand einst über dem Tor zum Orakel von Delphi. Auch in zweieinhalb Tausend Jahren hat diese Botschaft nichts an ihrer Aktualität eingebüßt. Wir sollten uns diese existentiellen Fragen, jeder von uns, öfter stellen. Dann wäre die Welt nicht in dem jämmerlichen Zustand, in dem sie heute leider ist.

Wir dachten, aus der Geschichte gelernt zu haben, um zu erkennen, dass mit der grässlichen Fratze des Krieges alle unsere Fortschritte zu gering waren, um humanitäre Katastrophen zu vermeiden. Macht und Gier bestimmen die Gesellschaft, nicht Freundschaft oder Kooperation (die allen Seiten nur nützlich wäre). Nicht nur, dass wir Raubbau an den Ressourcen des Planeten betreiben, nein wir schicken auch noch riesige Potentiale junger Menschen sinnlos als Kanonenfutter auf das Schlachtfeld.

Entschuldigung, ich schweife ab. Den Punkt, den ich machen will, ist, dass wenn sich mehr Menschen grundlegende Gedanken zu ihrer eigenen Existenz machten, dass dann auch (zumindest in einem gerechten politischen System) weniger Konflikte in der Welt auftreten würden.

Das aber setzt eine hoch gebildete Gesellschaft voraus (die Nordeuropäischen Staaten sind hier ein Beispiel), in der den Generationen auch genügend mentaler Input und Zeit zur Realisierung und Verinnerlichung gegeben wird. Das wiederum ist mit einem reinkapitalistischen System, welches auf maximalen Profit angelegt ist, nicht zu machen.

So habe auch ich, mit meinen tiefer gehenden Gedanken kaum Platz in dieser auf Effizienz und Effektivität getrimmten Gesellschaft. Erst die Krankheit und der vermeintliche „Absturz“ gab und gibt mir Zeit und Möglichkeit zur Reflektion. Das nenne ich traurig. Es sollte mehr Möglichkeiten in der Gesellschaft geben, Dinge in Ruhe auszudiskutieren anstelle reflexartig nach Medienlaune Politik zu betreiben.

Ich bin nun vier Monate lang hier in Therapie. Eine Zeit, die sicherlich mein weiteres Leben prägen wird, nicht zuletzt, was die Krankheit betrifft. Aber auch was Begriffe wie Sicherheit und Wohlstand bedeuten, wie Wertvoll geistige wie körperliche Gesundheit ist, die Prioritätensetzung hat sich jetzt schon für immer verändert. Was bedeuten Geld und Ruhm, wenn ich nicht mit mir selbst und meiner Umwelt klar komme? Da komme ich nochmals auf unseren Kinderstar zurück. Nichts. Nichts und niemand kann dich vor der Krankheit schützen. Es kann jeden und jede treffen, jederzeit. Dessen sollten wir in der krankheitsfreien Zeit sehr viel mehr bewusst sein. Mit der Gesundheit ist es wie mit der Freiheit oder Sicherheit – erst, wenn man sie verloren hat, weiß man, was man eigentlich hatte.

Kaffee und Kuchen am Sonntagnachmittag. Das ist ein wenig wie bei Oma damals, nur eben hier mit Mitpatienten. Eine nette Runde. Ein Stück heile Welt, obwohl in der Klinik-Bubble. Ich hoffe ja inständig, dass ich das Stück heile Welt auch draußen für mich umsetzen kann. Das erfordert neue Kontakte zu Leuten, die ebenfalls dieselbe Krankheit und Lebenslage wie ich haben. Also muss ich wieder suchen – eine gute Selbsthilfegruppe ist da beste Medizin. Erfahrungen damit habe ich ja schon, ich muss das gute soziale Zusammensein eben nur wieder neu aufleben lassen. Ich weiß ja, wie es geht, schließlich war ich 15 Jahre lang trocken, als ich meine Tochter hatte. Ein wenig schwindelig war es mir heute, aber gottseidank keine Panikattacken. Das zweite Wochenende in Folge ohne – auch hier ein Therapieerfolg. Gut Ding will Weile haben. Kann ich bestätigen. Es sind genau diese kleinen Dinge im Leben, die glücklich machen – Leidesgenossen bei ihrer Rekonvaleszenz zuzuschauen und daran mit geglückter Teilhabe beizutragen. Eine Win-Win-Situation also.

Ich muss nochmals zurück zum Selbstmord. Der Gedanke lässt mich heute nicht mehr los. Nichts ist so schlimm, dass ein Selbstmord verantwortbar wäre. Meist ist von außen betrachtet die Lage gar nicht so verzweifelt, wie der Begehende sie sieht. Meistens gibt es auch Wege aus der Krise, die recht einfach zu gehen sind. Man braucht nur den entscheidenden Impuls, das Richtige zu tun. Und wenn es Veränderung heißt. Für einen selbstmordgefährdeten Menschen gibt es nichts Schlimmeres als ein „weiter so“. Nur, wenn man alleine ist mit seinen Gedanken, kommt man gar nicht auf die nahe liegende Lösung des Problems. Man steigert sich dermaßen in seine irrenden Gedanken hinein, dass von innen keinerlei Lösung zu erwarten ist, sei sie noch so simpel. Da braucht es eine Intervention von außen. Kommt sie nicht oder zu spät, ist alle Hilfe vergeblich. Obwohl das Bundesverfassungsgericht das Recht auf den eigenen Tod bestätigt hat, ist es im biblischen wie im gesellschaftlichen Sinne eine Sünde so etwas zu tun. Schließlich verletzt man ja seine eigene Würde. Und die Menschenwürde ist nun mal in unseren Breiten unverletzlich.

Wo aber die Gedanken der eigenen Endlichkeit einen hin bringen können, ist das Nachdenken darüber, warum wir Menschen tun, was wir tun. Warum wir Gesellschaften bauen, wie wir sie bauen (an dieser Stelle möchte ich ausdrücklich meiner deutschen Gesellschaft danken, die Kliniken und medizinische Dienste bereitstellt, um Menschen wie mir wieder auf die Beine zu helfen! Danke!). Und warum trotzdem so vieles schief läuft im Einzelschicksal.

9,6 Millionen Menschen in Deutschland sind von Sucht betroffen. Suizid in Zusammenhang mit Alkohol und Drogen ist die am meisten vorkommende Todesursache bei Männern unter dreißig. Wir reden hier nicht von einem gesellschaftlichen Randphänomen, sondern von einem Massenphänomen. Und trotz der guten Gesundheitsversorgung im Staat nehmen die Klinikaufenthalte wegen Depressionen, Burn-Out, Drogen- und Alkoholismus stetig zu. Unser System ist bis an die Grenzen belastet – und ich war einer der Glücklichen, die ohne lange Wartezeiten in Therapie kamen. Das ist nicht immer so. Leider gelingt es dem System nur unzureichend Betroffene auch zu erreichen. Ich denke da besonders an Familien, in denen Kinder mit suchtkranken Eltern aufwachsen müssen.

Auch die gesellschaftliche Stigmatisierung ist immer noch vorhanden. Obwohl sich diesbezüglich in den letzten Jahren viel getan hat, werden Suchtkranke immer noch von der Gesellschaft misstrauisch beäugt – und das gerade jetzt, wo die große Opioid-Schwemme aus den USA zu uns herüberschwappt. Ganz so verheerende Ausmaße wie dort (30 Millionen Menschen in Suchtbehandlung) wird sie hierzulande wohl nicht erreichen, doch der Verlauf mit Opioiden ist im Vergleich zum Alkohol ungemein schneller. So schnell können wir gar nicht unser Gesundheitssystem ausbauen, wie diese Welle an verschreibungspflichtigen Suchtmitteln den Arzneimarkt überschwemmen wird. Da braucht es erhebliche Investitionen in der Zukunft in Prävention und Pflege. Die Zahl der Medikament-Abhängigen steigt rasant, ebenso die Zahl der Depressiven.

Die Zahl der registrierten Selbstmorde hingegen ist seit den 60-Jahren gesunken. Das hat etwas mit der verminderten Verfügbarkeit von Waffen zu tun und auch mit der Tatsache, dass junge Männer insgesamt in der Gesellschaft seltener geworden sind. Ich weiß jedoch nicht, wie viele der 150.000 offiziellen Alkohol-Toten im Lande letztendlich auch Selbstmorde sind, Selbstmord durch Alkohol? Ein ganz schlimmer Weg, sich aus dem Leben zu befördern. Dauert Jahre und ist extrem Schmerzhaft – für den Betroffenen genauso wie für seine Nächsten und die Gesellschaft im allgemeinen. Ich kann da mitreden, ich habe es ja selbst erlebt.

Also reflektiere ich alle meine künftigen Handlungen am Tode. Es wird nie wieder so schlimm wie es mal war. Einzig und allein ich habe die Macht, Entscheidungen für oder gegen das Leben zu treffen. Die Ärzte können begleiten und helfen, aber letztendlich bin nur ich alleine für mein Verhalten verantwortlich.

*Alte Seele ist ein fiktives Konstrukt, meine imaginäre Freundin, an die ich meine Briefe und Gedichte richte

In Therapie, Teil 3

Langeweile ist ein großes Thema in meinem Leben. Mir war langweilig in der Schule. Ich war immer der Klassenbeste und erschien in späteren Schuljahren nur noch zu den Klassenarbeiten. Mir war oft langweilig bei der Arbeit – die Probleme meiner Kolleginnen schienen viel zu banal und belanglos als das sie mich wirklich interessiert hätten. Insgesamt ist es so, dass ich schon immer etwas „anders“ getickt habe als meine Mitmenschen. Leider ist der Versuch, mich denen anzupassen sich „auf Normalniveau“ herunter zu bringen, unter anderem mit Alkohol gründlich misslungen. Noch nie hatte ich die echte Chance, meine Talente vollkommen auszuleben. Vielleicht ist es ja noch nicht zu spät dafür. Es werden Chancen kommen. Und ich werde sie nutzen. Vielleicht liegt ja in der Krise tatsächlich die Chance, die unterdrückten Dinge zu verwirklichen, nach denen ich so lange vergeblich gestrebt habe. Anerkennung zu erfahren für das, was man tut. Eine Persönlichkeit entwickeln mit einem Charakter, lieben und geliebt zu werden, auf den ganz unterschiedlichen Liebes-Ebenen, die wir Menschen haben (siehe das Gedicht: Regenbogen der Liebe)

Vieles, was im kranken Zustand nicht möglich war, erscheint jetzt wieder in machbare Ebenen zu gelangen, wie zum Beispiel eine Beziehung führen. Mit der Krankheit im Nacken war dies gänzlich unmöglich! Das zeigt meine letzte langjährige Beziehung deutlich, in der zwei Alfa-Tiere sich gegenseitig gebattled haben, tatkräftig unterstützt durch Alkohol. Eine wunderschöne teuflische Beziehung, geprägt von viel Liebe aber auch Aggression. Und das möchte ich nicht mehr, deshalb bin ich auch absichtlich bis heute Single geblieben.

Ich verliebe mich schnell – und liebe das Gefühl des Verliebtseins, falle aber nicht mehr so einfach auf die Gefühlswallungen herein. Nein, eine Beziehung muss sich auf Gesundheit begründen, nicht auf Krankheit. Und das geht eben nur, wenn ich gesund bin und bleibe.

Wenn ich so zurück schaue: Was alles habe ich getan in der Hochphase? Meine letzte Beziehung, über den Atlantik und über Rassengrenzen hinweg – war das auch Folge der Krankheit? Die Beziehung war geprägt von zwei Alfa-Tieren, beide hoch begabt und hoch intelligent, beide aber genauso manisch-depressiv, so dass die Beziehung hätte in einer ganz großen Katastrophe enden können. War all das der Krankheit geschuldet? Mein erfolgreicher Aufenthalt in Afrika war sicherlich schon von dem Absteigenden Ast der Erkrankung geprägt – eine Art Flucht vor dem Unausweichlichen?

Plötzlich kommt die Erkenntnis über mich, dass all diese Aktionen Resultat der Krankheit waren. Jahre sind ins Land gezogen, und angeblich hat niemand etwas bemerkt? Ich jedenfalls habe mein Leben so noch nie betrachtet – und die neue Sicht erklärt auch einiges. Wenn nun aber das Tun und der Tatendrang zum Besonderen der Krankheit geschuldet war, wie dann damit in Gesundheit umgehen? Soll und muss ich meine Ziele denn ändern beziehungsweise anpassen? Ich denke schon. Keine Sonderaktionen mehr, lieber Markus, das hältst du nicht mehr aus. Es kostet materiell wie spirituell zu viel! Versuche mal, ein „normales“ Leben zu leben und schlage nicht aus, weder nach oben noch nach unten. Ein hehrer Vorsatz, den es nun auch einzuhalten gilt.

Diese Erkenntnis ist neu für mich und trifft mich aus heiterem Himmel. Aber natürlich doch. Ich war jahrelang wenn nicht jahrzehntelang getriebener meiner eigenen Krankheit und habe selbst nichts davon bemerkt. Wow. Das sitzt erstmal tief. Denn im Umkehrschluss heißt das ja, dass ich seit meiner Kindheit nie richtig gesund war! Erst jetzt, im zarten Alter von 53 Jahren erkenne ich das Muster der Krankheit, erkenne ich das Muster des alten Lebens. Jetzt erst verstehe ich, wie eins zum anderen überhaupt kommen konnte und warum ich schließlich hier gelandet bin. Der nächste Therapieerfolg!

Wenn wir jetzt spekulieren wollten, könnte man sich die Frage stellen, hätte man mit der richtigen Diagnose zur richtigen Zeit einiges an Leid verhindern können? Sicherlich ja. Gottseidank ist die Wissenschaft heute weiter als noch vor dreißig Jahren, als man die Anzeichen schon sah und ein mutiger Arzt die Diagnose und Behandlung auch hätte einleiten können. Den hatte ich leider nicht.

Umso erstaunlicher geht es jetzt ganz schnell voran und niemand zweifelt mehr an der Diagnose. Mit heutigem Wissen würde man einen Fall wie mich schon von vornherein anders diagnostizieren und behandeln. Allen, mir inklusive hätte das viel Leid erspart. Aber so ist nun mal unsere Gesellschaft: Im Nachhinein ist man immer klüger.

Noch ist es gottseidank nicht zu spät, um die Fehler der Vergangenheit wieder gut zu machen. Meinerseits nicht und seitens der Gesellschaft auch nicht. Aber wir können allesamt Lehren für folgende Generationen ziehen – das man psychische Erkrankungen nicht als „Spinnerei“ oder „jugendlichen Übereifer“ abtut, sondern qualifizierte Diagnosen früh genug stellt. Mir jedenfalls hätte das spätestens nach dem Koma und der ersten Nahtod-Erfahrung sehr viel geholfen. Das ist jetzt immerhin 23 Jahre her. Ich mag mir kaum vorstellen, wie viele junge Menschen undiagnostiziert sich durchs Leben kämpfen müssen, obwohl Heilung verfügbar wäre – nur das System reagiert eben erst viel zu spät, quasi wenn das Kind schon in den Brunnen gefallen ist. Die Reparaturschäden kosten ein Vielfaches mehr als Prävention es würde. Mir ist es ein Rätsel, warum man so lange mit Behandlung warten muss, bis es (fast) zu spät ist. Ich stelle mir ein Gesundheitssystem vor, welches in Schulen und Universitäten frühzeitig auf Auffälligkeiten in beide Richtungen reagiert. Denn weder ganz oben noch ganz unten lebt es sich auf Dauer Gesund. Als jemand, der beides erlebt hat, halte ich mich durchaus für qualifiziert, hier eine Meinung abgeben zu können.

Sonntag Morgen. Eigentlich Zeit für einen Gottesdienst, doch aber war ich bislang noch nicht so weit draußen vom Klinikgelände entfernt, dass ich eine Kirche hätte aufsuchen können. So halte ich hier meinen kleinen Moment der Einsicht und der Widmung des Spirituellen, indem ich das Schreiben an diesem Brief fortsetze. Ich höre zwar die Glocken, die zum Gottesdienst rufen, aber mich quält eine lähmende Angst, dort auch hinzugehen. Es ist schwierig zu erklären, warum das so ist, aber bislang habe ich es nur zum Carre geschafft, dem lokalen Konsum-Tempel. Ich glaube, da bin ich nicht der einzige. Die Kirche hat es sich auch selbst zuzuschreiben, das Seelenheil suchende sich nicht mehr in ihren Schoß begeben, sondern sich eher dem schnöden Mammon zugehörig fühlen. Das ist schade, den die Botschaft, die sie verkünden, ist ja eine gute. Du als Mensch, egal wie unzureichend du auch sein magst, wirst geliebt von einer höheren Kraft. Ja, was will man mehr? Doch all die Skandale um unsere Kirchenführung haben die Strahlkraft der guten Botschaft verwässert und übertüncht. Ich will ja gerne in die Kirche gehen und zur Kirche gehören, aber eben nicht zu dieser. Da sind eine Menge Reformen überfällig, sowohl bei den Katholiken als auch bei uns Protestanten. Die Gottesdienste sind in der gegenwärtigen Situation eher langweilig und für ältere Menschen attraktiv. Das müsste so nicht sein, was ich ja in Afrika erlebt habe, wo die Kirchen voller Kinder, Jugendliche und Erwachsene sind. Dort ist Kirche Marktplatz, Schule und Gemeindezentrum in einem, oftmals noch gepaart mit der schwierigen Gesundheitsversorgung. Kirche gibt dort den Menschen wenigstens eine warme Mahlzeit nach fünf Stunden Zeremonie. Ich bin in Afrika gerne zur Kirche gegangen, weil dort gesungen und getanzt wird, der Gottesdienst sich an der frohen Botschaft und an der Entwicklung der Gemeinde orientiert. Hierzulande hingegen verkommt die Kirche immer mehr zu einer Veranstaltung einiger weniger gläubiger Christen, die die Zeremonien unter sich ausmachen. Das gemeine Volk bleibt freiwillig außen vor.

Dies hat natürlich mit der Verknüpfung von Kirche und Staat zu tun. Immer noch haben wir es nicht geschafft, Kirche und Staat sauber zu trennen, was zu einer Kirchenmüdigkeit führt, genauso wie viele Bürgerinnen und Bürger des schröpfenden Staates überdrüssig geworden sind. Das müsste aber so nicht sein, wenn man die Liturgie auf das Alltagsleben der Menschen anpasste – und nicht vergeblich das Umgekehrte erwartete. Schon jetzt zeigen sich Risse in der Seelsorge und die beiden großen staatsnahen Kirchen leiden unter Personalmangel. Vor lauter Verwaltung haben die Kirchen häufig ihren Ur-Auftrag, nämlich das Verbreiten des Evangeliums vernachlässigt und nun laufen ihnen in Scharen die Schäfchen davon.

Vielleicht statte ich der Kirche hier nun doch einen Besuch ab. Bis später, ich gehe beten.

Gesagt – getan. Ich habe es tatsächlich geschafft, meinen ersten Gottesdienst hier zu besuchen. Eigentlich wollte ich nur die Kirche besichtigen – eine Hugenottenkirche. Vieles hier ist von den französischen evangelischen Auswanderern geprägt, sogar die Altar-Inschrift ist auf Französisch, dessen ich leider nicht mächtig bin. Eine Pastorin hielt eine moderne Messe für die handvoll Gläubigen im Raum – zu meiner Überraschung waren durchaus auch ein paar junge Gesichter darunter. Die Predigt stand unter dem Motto „Suchet den Frieden“ und kreiste, wie so oft in diesen Tagen um das Thema Krieg, Flucht und Vertreibung. Das muss man den kirchlichen Organisationen lassen – sie engagieren sich vorbildlich in Sachen Flüchtlinge, erst aus dem Nahen Osten und jetzt aus der Ukraine. Die Kirche hier unterhält Kinderdörfer im Sommer für Kinder aus benachteiligten Familien im Strahlungsgebiet rund um Tschernobyl.

Es fühlte sich gut an, wieder in einer Kirche zu sein und zu beten. Das Gefühl der Gemeinde kam auf, die Erkenntnis, dass obwohl Fremder hier, ich niemals alleine zu sein brauche. Die Gemeinde ist auch hier ansprechbar, sollte die Seelen-Not übermächtig werden (was sie im Augenblick gottseidank nicht ist). Auch die Aussicht, meinen bescheidenen Beitrag zur Gesellschaft in einem kirchlichen Setting zu vollbringen ist alles andere als abwegig. Gute IT-ler braucht es schließlich überall und die protestantische Kirche ist für Reformen ja durchaus zu haben.

Es tat also gut, die Seele mal eine Stunde baumeln zu lassen, ab-lassen von dem täglichen Kampf gegen die Krankheiten und nur gespannt den Bach-Kantaten auf der Kirchenorgel zuzuhören. Ich liebe Orgel- und Klaviermusik, ganz speziell am Sonntagmorgen. Ein Tick von mir, vielleicht, aber nach all dem Techno und House Gedröhns tut etwas Besinnliches auch gut. Schließlich nähern wir und demnächst der Adventszeit und die nebligen Novembertage bieten sich zur Introspektion geradezu an. Obwohl heute die Sonne vom strahlenden Himmel lacht. Leider hatte die Kirche keine farbigen Gläser in den Fenstern, so dass ich die Brechung des weißen Lichts, welche man in den großen Kathedralen bewundern kann, nicht sah. Rein und schlicht, konzentriert auf das Wesentliche sollten sie sein, die Hugenotten-Kirchen. Das Weiß der Inneneinrichtung sollte das helle Licht Gottes wiedergeben, ohne den unnötigen Goldschmuck der barocken Katholiken. Und das tat es auch, die Wirkung des Gebäudes, nämlich Konzentration statt Prunk hat ihr Ziel zumindest bei mir erreicht.

Wie üblich habe ich nicht mitgesungen, denn in eigener Einschätzung kann ich nicht singen (obwohl ich online für jemanden auch schon vorsingen musste?). Aber ich kann mich konzentrieren und mitbeten. Selbstverständlich habe ich für mich gebetet, meine vertrackte Lebenssituation. Und die Botschaft, die ich meine bekommen zu haben lautet: Alles ist gut. Ich bin auf dem richtigen Weg. Selbstverständlich ist das Kirchliche Leben ein ganzes Stück weit weg von der Erfahrung eines Nachtleben-Menschen. Doch der Rückzug ins Geistliche kann genauso gut in einem Techno-Klub geschehen, wenn ich mich nüchtern in Trance tanze. Die Location ist eine andere, das Publikum auch, doch die Tatsache, dass man sich dem Unbewussten mit Hilfe der Musik nähert ist dennoch eine ähnliche. Hier der Techno-Bass, dort die Kirchenorgel. Beides machtvolle Töne, größer als der Einzelne. Ob nun tief im Gebet in der Kirche versunken oder tranceartig im Nachtklub tanzend – Ziel ist immer und immer wieder die Öffnung der Seele ins Metaphysische hinein. Irgendwann habe ich mal gesagt: „Techno is my religion and the night club is my church“. Da steckt schon ein ganzes Stück Wahrheit drin.

So wie ich mich mit Hilfe der Musik weg denken kann, so kann ich es auch im Gebet. Nicht umsonst trage ich ein Kreuz am Hals, als Zeichen der spirituellen Verbindung mit der höheren Kraft. Beten hilft! Dafür gibt es sogar wissenschaftliche Belege (siehe Rupert Sheldrakes Forschung und die neuesten Erkenntnisse in Sachen Hirnaktivität und Quantenmechanik). Die Meditation und Vergeistlichung macht etwas mit uns, sie verändert plastisch unsere Hirn-Struktur und mit entsprechender Übung liefert sie uns ein mächtiges Tool, mit dem man gegen Ängste und Süchte arbeiten kann. Häufig betenden sieht man eine Heiligkeit an, eine große Gnade.

Passend dazu heißt das Krankenhaus, in dem ich in der Entgiftung war „Zentrum für seelische Gesundheit“. Ich bin der festen Überzeugung, dass wir in unserer Gesellschaft zu wenig auf die Seele achten, also das Wohl zwischen Körper und Geist. Oft ist unser Alltagsleben durchbrochen von reinem Kommerz, wir produzieren und konsumieren Dinge, die unserem Seelenheil nicht gut tun. Eine gewisse Rückbesinnung auf spirituelle Dinge täte uns gut, sich kümmern um den Nächsten heißt ja auch sich kümmern um sich selbst. In unserer Gesellschaft kommt dieser Gedanke zu kurz – und die Kliniken füllen sich mit Patienten die unter Burn-out oder Depressionen leiden. Doch keine Klinik der Welt kann dem Menschen bieten, was die Mitmenschen bieten können, nämlich Zuwendung und Liebe. Der professionelle Seelen-Reparaturbetrieb, in dem ich stecke kann zwar Therapien vermitteln und Theorien aufzeigen, letztendlich aber liegt die Ausgestaltung der Alltagswelt jedem Einzelnen. Da kann auch die bestgemeinte Therapie nicht helfen.

Heute mag ich mich nicht besonders. Ich habe Mittagsschlaf gehalten. Und fühle mich nutzlos. Anstatt wichtige Dinge zu tun, sitze ich hier im stillen Kämmerlein (im wahrsten Sinne des Wortes) und tippe diese Zeilen. Sie mögen eventuell einen Wert entfalten, schließlich werden sie veröffentlicht. Und wenn ich mit meinem Schreiben auch nur einer Seele auf ihrem Weg helfen kann, ist schon viel gewonnen.

Bitte verstehe mich nicht falsch, Alte Seele. Mit der Besinnung auf das seelische Wohlbefinden meine ich keinesfalls einen Rückfall in einen Kirchenstaat. Nein, ich meine damit eine Anpassung der modernen Lebenswelt an die Bedürfnisse der Menschen so wie sie sind. Wir haben, und das vor allem im Arbeitsleben, die Spirale der Produktivität überdreht. Das System tickt schneller als die Menschen, die es am Laufen halten, dadurch entsteht Stress und Unbehagen. Das wiederum nagt an unserer Psyche und es kommt zu den oben genannten Folge-Erkrankungen, die das System wiederum mit Institutionen und Heilanstalten zu bessern versucht. Wäre es denn nicht besser, die psychischen Krankheiten schon im Vorfeld zu verhindern, indem man in das System an sich Pufferzonen für die Seele einbaut? Sicherlich. Wir sehen ja sporadische Ansätze wie Sabbaticals oder Teilzeitregelungen. Das ist ein guter Anfang, aber es ist erst der Anfang in eine humanere Arbeitswelt, die auch den älter werdenden Bevölkerungen Rechnung trägt. Schließlich entsteht eine Depression oder eine Abhängigkeit ja nicht über Nacht, sondern das sind Prozesse, die Jahre zu ihrem Entstehen benötigen und von bleibender Natur sind. Ich sehe nicht, dass unsere Gesellschaft das Notwendige tut, um der neuen Humanität sichere Rahmenbedingungen herzustellen. Aber das ist, was unsere Gesellschaften im entwickelnden Westen benötigen.

Denn Maschinen und Computer kennen keinen Humanismus, genauso wenig wie die kollektiv-autoritären Staaten, die in harter Konkurrenz uns wirtschaftlich wie militärisch zu schaffen machen. Auch international ist keine neue UN in Sicht und die Mechanismen des Kalten Krieges finden ihre Anwendung. Dabei betreiben wir Raubbau an unseren Ressourcen, und ich meine hiermit nicht nur die natürlichen, sondern auch die seelischen Ressourcen weiter Teilen unserer Bevölkerungen. Es klafft immer noch ein riesiges Wohlstandgefälle und die sich entwickelnden Länder setzen, zu recht, auf die Lösungen des 20. Jahrhunderts in dem sie bis heute noch nicht angekommen sind. Wir hingegen hätten die Möglichkeit, einen neuen Humanismus zu entwickeln, sehen uns aber durch sinnlosen Krieg und Vertreibung genauso den alten Strukturen des 20. Jahrhunderts gegenüber gestellt. Ein Weg daraus müsste sein, dass sich die entwickelten Länder zu einer anderen Weltordnung durchringen könnten, einer Ordnung, die das individuelle seelische, geistige und körperliche Wohlergehen zum Maß der Dinge macht und nicht nur eine immer weiter steigende Produktivität oder weiter steigende Lebenserwartungen. Lieber ein etwas kürzeres gut gelebtes Leben als ein maschinell erzeugtes Dahinsiechen an „Gesundheits“-Maschinen aller Art. Lieber etwas weniger konsumieren und produzieren, dafür aber mit mehr Qualität statt Menge.

Diese gesellschaftlichen Prozesse sind ja seit einiger Zeit schon im Gange. Der Aufstieg der Grünen Partei zur Volkspartei spricht Bände. Nur sind deren hehre Ziele auch schon, zum Teil zumindest, vom elitären Machtapparat geschliffen worden. In der Substanz zeigt sich Grünes Regierungshandeln kaum unterschiedlich von dem der Parteien zuvor auch. Der herbei gesehnte Systemwechsel ist ausgeblieben, weil sich sowohl Partei als auch System sich adaptiert haben. So verhallen die Gedanken eines neuen Humanismus, der sich vor allem in den linksliberalen Kreisen (zu denen ich mich zähle, wenn auch zur Zeit von keiner Partei repräsentiert) bildet, bedeutungslos, weil nicht im Regierungshandeln vorkommend.

Der von Piketty und anderen vorgeschlagene „Kapitalismus des 21. Jahrhunderts“ ist spätestens mit dem Ausbruch des Ukraine-Krieges und die darauf folgende Inflation wieder in den Schubladen und auf den Festplatten der progressiv-liberalen Denker verschwunden. Das System bedient sich der alten Vorgehensweisen und Denkmuster, die im 20. Jahrhundert die Menschheit in die bis dato größte Katastrophe geschickt haben. Es ist fraglich, ob man mit den Denkmustern des 20. Jahrhunderts die Probleme des 21. Jahrhunderts lösen kann. Jetzt jedenfalls ist das neue Denken gnadenlos ins Hintertreffen geraten angesichts der brachialen Drohung mit roher Gewalt. Wir alle können nur hoffen, dass das nicht die Richtschnur der Politik der nächsten Jahrzehnte sein wird.

Warum schreibe ich Dir diese Zeilen, liebe Alte Seele? Weil es mich beschäftigt. Weil ich es kann. Weil ich es darf. Weil wir gottseidank in einem Land leben, in dem zumindest in der Theorie Meinungsfreiheit herrscht. Weil wir das System von innen ändern wollen, ohne die Brüche einer Revolution. Weil Demokratie und Freiheit des Denkens auch etwas mit dem Seelenheil von Völkern zu tun hat. Weil wir es unseren Kindern schuldig sind, bessere Strukturen als die jetzigen zu hinterlassen. Es ist doch ein schöner Gedanke, einen neuen Humanismus aufleben zu lassen, von mir aus auch etwas sozialromantisch verklärt. Und wenn die Denker nicht mehr denken, wer dann?

Du merkst schon, liebe Alte Seele, das Politische ist aus mir nicht weg zu bekommen. Auch meine nächste Tätigkeit wird ein wenig das berücksichtigen müssen. Zumindest im privaten Gespräch. Ich sehne mich nach akademischer, teilweise auch hitziger Debatte um das bessere Sein. Wahrscheinlich muss ich das tiefer gehende philosophische Denken in Geschichten verpacken, um es dem Publikum zugänglich zu machen. Adaption und Anpassung auch hier. Ich könnte ja einen Polit-Thriller schreiben (sic!) Nein, da schreibe ich doch lieber einen Liebesroman. Ha.

Diese Dinge aber sind wichtig, denn sie bestimmen unser Leben, auch im Alltag. Die Regeln und Normen, die wir uns als Gesellschaften normativ setzen, beruhen auf Glaubenssätzen und Ideologien. Auch den neuen Humanismus, den ich vertrete, ist so ein Gerüst aus Glaubenssätzen. Ich nehme viel Gutes aus der verblichenen Sozialdemokratie, aus ihren Wurzeln. Leider war sie eine Bewegung des 19. und 20. Jahrhunderts und hat den Sprung in die digitalisierte Welt des 21. Jahrhunderts nicht richtig geschafft. Ebenso nehme ich Teile aus der Gründungszeit der liberalen Demokratien, eine Bewegung des 18. Jahrhunderts, welche sich nur noch in kargen Resten unserer kodifizierten Glaubenssätze widerspiegelt. Beiseite, weil durch die Geschichte als untauglich erwiesen, lasse ich die kollektivistischen Modelle des Sozialismus und Kommunismus. Dasselbe gilt für nationale Theorien, die in Zeiten globaler Macht- und Wirtschaftssysteme ebenfalls an Bedeutung verlieren werden und sich trotz einer gegenwärtigen Renaissance wohl kaum mehr auf Dauer durchsetzen können. Zu kompliziert ist die Welt geworden, zu offensichtlich die Vorteile der Kooperation gegenüber der Konkurrenz, das zumindest kleinere Länder sich eher im Verbund auf der Weltbühne präsentieren als als Nationalstaaten. Die Europäische Union ist da erst der Anfang, auch in Afrika gibt es solche Unionsbestrebungen und selbst in Asien redet man schon davon.

Es tut gut, diesen Gedanken freien Lauf zu lassen. Mein Hirn funktioniert also noch (sic!) zumindest insoweit, dass ich diese Gedanken, die ja der Normalsterbliche nicht unbedingt jeden Tag denkt, formulieren kann. In wie weit ich es dann schaffe, diese Gedanken auch gesellschaftlich zu platzieren, steht auf einem anderen Blatt.

Wie gesagt, verdichtet in Dichtung. Verpackt in Charaktere und in Geschichten vielleicht? Wir werden sehen. Auf jeden Fall sind sie schon mal von der Seele geschrieben.

Mittwoch. Es geht voran. Mit Hilfe der Sozialberatung hier vor Ort haben wir angefangen, den finanziellen Sumpf auszutrocknen, den die Sucht hinterlassen hat. Alles klärt sich langsam, altes längst Vergessenes wird nochmals in Angriff genommen und wiedergekäut. Der Finger liegt da in einem Wunden Punkt – und ich spüre die Krankheit deutlich in den letzten Tagen. Schließlich waren solche Dinge in der Vergangenheit immer so genannte „Trigger-Ereignisse“, die mich tiefer in die Sucht geführt haben, was mir hier in der geschützten Klinik-Umgebung nicht passiert. Hoffentlich, denn ich bin gerade in einer Situation, krankheitsbedingt, welche wir „trockenen Rückfall“ nennen. Nach der Konfrontation mit der Wirkchkeit wird nun die Willensstärke abgerufen, eben nicht mehr in alte Denk- und Verhaltensmuster zu fallen. Gerade jetzt sind die erworbenen Skills und Tools gefragt, denn ein Absturz in das Vergangene würde für mich wohl das Ende bedeuten. Die Narben an meinen Händen erzählen die Geschichte davon. Jedes Mal, wenn ich mich erinnere, wie es ist, alleine zu trinken, schaue ich auf das mahnende Mal, die Narbe am Arm, und sehe das Bild vom an die Wand spritzenden Blutes – und denke mir Markus, DAS willst du nie wieder!

Jetzt sind wir an einem ganz entscheidenden Punkt in der Entwöhnung: Die alten Reflexe kommen hoch aus dem Unterbewusstsein und versuchen sich, im Alltagsleben zu manifestieren. Das Großhirn, ergo der Verstand sendet aber ein widersprüchliches Signal, nämlich das der Abstinenz. Dieser Widerspruch erzeugt einen inneren Konflikt, der an der Psyche nagt. Das Gute an der Sache ist, dass je mehr Zeit des Nicht-Konsumierens vergeht, dieser Widerspruch im Gehirn immer kleiner wird, und am Ende das Großhirn über das auf die falschen Programmierungen des limbischen Systems obsiegt – und die Trockenheit sich manifestiert. Die alte Gedanken-Autobahn des Konsumenten wird durch eine neue ersetzt und fest zu betoniert. Und das erfordert eben einige Zeit. Vor einem Jahr ohne Suchtmittel würde ich höchstens von einem labilen Zustand sprechen, erst nach zirka einem Jahr rechne ich mit einer stabilen Abstinenz.

Auf der einen Seite tut es verdammt weh, sich mit den alten Ereignissen zu konfrontieren. Auf der anderen Seite ist Konfrontation das Beste Mittel gegen die aufsteigende Panik, die dann in Schwindelanfällen mündet, weil das Hirn mit zu viel(!) Sauerstoff versorgt wird (man hat mir für den Fall einer aufsteigenden Panik empfohlen, in eine Plastiktüte zu atmen, um den Sauerstoffgehalt im Hirn wieder zu reduzieren, daneben benutzte ich japanisches Minzöl zum inhalieren – und es hilft tatsächlich). So kann ich eine Panik unterdrücken. Das mulmige Gefühl der Aufsteigenden Angststörung kann ich jedoch derzeit noch schlecht bekämpfen, so dass hier noch mehr Übung nötig ist.

Bewerbungen muss ich schreiben für eine Aufnahme in eine so genannte Adaption, sprich die Möglichkeit, in einer Gruppe von Leidensgenossen wieder langsam an das normale Alltagsleben hingeführt zu werden. Alternativ kann ich es zuhause mit Hilfe des Sozialdienstes versuchen oder aber mit einer ambulant geschehenden Nachsorge. Ich neige zu ersterem, da vieles in der Gruppe einfacher zu bewerkstelligen sein kann. Es muss eben die richtige Gruppe sein. Da vieles dieser Optionen über kirchliche Träger läuft, verlasse ich mich ganz auf die Kompetenz meiner Suchtberaterin. Sie ist Profi und geht mit solchen Fällen tagtäglich um. Ich bin nur Profi, was meine eigene Erkrankungen angeht.

Es passiert etwas mit mir. Zum ersten Mal in der Therapie kann ich loslassen! Ich habe keine Lust, die Nachrichten zu lesen, die ich bekomme oder was in der Welt passiert, denn es berührt mich in meiner jetzigen Lage eh nicht. Ein Gefühl der Befreiung macht sich breit. Mit geht es gut hier in meiner geschlossenen kleinen Welt und draußen kann passieren, was will. Ich werde definitiv besser schlafen nach all den anstrengenden Papierkram- und Therapiesitzungen. Es ist auch der neuen Achtsamkeit geschuldet, dass ich so genau auf das achte, was in mir vor sich geht. Ich war sehr erschöpft diese Tage und man sieht mit die Erschöpfung auch an. Nicht zuletzt, weil ich auf falsche Medikamente eingestellt bin. Hoffentlich klärt sich das mit der neuen Diagnose bald. Die Arbeitstherapie habe ich mit Bravour bestanden, so dass meine Lösungen der Aufgaben nun als Musterlösungen dienen und die Rentenversicherung einen positiven Bericht über meine Arbeitsfähigkeit erhält. Die nämlich ist besser als erwartet und ein nine to five Job wäre durchaus machbar, wären da nicht diese unsäglichen Panikattacken von denen ich weiß, dass sie nur illusorisch sind, die aber das Alltagsleben immens erschweren. Was ich brauche, ist eine geschützte Umgebung, in der ich mich frei entfalten kann. Talent und Fähigkeiten sind da, jetzt müssen die psychologischen Hindernisse, die ein normales Arbeiten verhindern, beseitigt werde. Und dann wird alles gut. Nicht zuletzt deshalb habe ich heute ein Bewerbungsschreiben in eine Adaptionsgruppe in Stuttgart verfasst.

Mich zieht es zurück in die Heimat, in Hessen und im Raum Frankfurt möchte ich nicht bleiben. Ich fühle mich hier fremd. Nicht schlecht aufgenommen, nein, aber es fehlt hier das besondere Flair meiner Süddeutschen Heimat. Es ist schwierig zu beziffern, eher nur ein Gefühl, ein Heimatgefühl, welches mir hier fehlt.

Und dennoch habe ich eine Heimfahrt vor der Therapie-Beendigung abgelehnt. Es ist einfach noch zu unsicher, eine solche Reise in die Vergangenheit zu machen. Und am Wochenende könnte ich eh meine Sachen nicht erledigen. Da bleibe ich doch lieber bis zum Therapie-Ende hier, zumal sich ja in mir Dinge gerade jetzt regen und ändern und die Gewohnheiten einer neuen Persönlichkeit sich entwickeln. Die Loslösung aus den alten Gewohnheiten ist immer noch im Gange, zumal ich ja in meinem Überschwang etliche Lücken und Löcher in meine schon verloren geglaubte Persönlichkeit gerissen habe. Ich möchte diese neue Gelassenheit und die wieder erstarkende Persönlichkeit nicht mehr missen. Auch das, wenn man so will, ist ein Therapieerfolg.

Wohin die Reise medizinisch geht, ist zur Zeit noch nicht klar, klar ist aber, dass die dem Alkoholismus zugrunde liegende Störung weiterer Behandlung im abstinenten Zustand benötigt. Das ist für mich überlebenswichtig, denn alleine die psychische Störung, die ich seit dreißig Jahren oder länger mit mir herumtrage, ist lebensgefährlich. Die Suizidrate bei dieser Diagnose beträgt 30%. Das heißt, alleine die Grunderkrankung legitimiert eine Behandlung, die jenseits der Suchtentwöhnung liegt. Die Gefahr eines „Unfalls“ potenziert sich im Zusammenhang mit einem Suchtmittel. Auch deshalb ist gerade jetzt eine Heimfahrt auszuschließen.

Körperlich geht es mir so la la. Wie gesagt, die seditiernden Medikamente wirken dämpfend und ich leide unter Schwindelanfällen. Mein Kreislauf geht ab und zu in die Knie. Der Blutdruck ist trotz Dosissteigerungen immer noch sägend hoch. Ich schlafe gut, bis zu zwölf Stunden die Nacht, habe aber Schmerzen in den langen Nervenbahnen beim Einschlafen. Die Polyneuropathie lässt grüßen. Ich leide unter Schmerzen nachts, die künstliche Hüfte macht sich bemerkbar, genauso das linke Knie. Das Alter kommt eben nicht von alleine und ich spüre die Jahre des Raubbaus am eigenen Körper deutlich. Das wird auch nicht mehr besser werden, die Jahre der jugendlichen Unbeschwertheit sind für mich nun endgültig ad acta gelegt. Auch hiermit gilt es jetzt umgehen zu lernen. Nämlich der Tatsache, dass diese Beschwerden nun endgültig Teil des Alltagslebens geworden sind.

Selbstverständlich geht es mir abstinent sehr viel besser als trinkend. Kein Durchfall mehr, kein morgendliches Übergeben, kein Zittern, keine Krämpfe, keine Schlaflähmungen oder lock-in Zustände. Da hat sich in den Wochen der Therapie vieles zum Guten entwickelt. Hoffentlich bleibt das auch so.

Zurück zu dem, was in mir passiert. Manchmal denke ich, wer will das alles lesen. Schließlich ist es nur einer von hunderte, wenn nicht gar tausenden Genesungsberichten. Aber ich denke, eingebunden in einen bemerkenswerten Lebenslauf und garniert mit einer tragischen Lovestory wird auch dieser Text sein Publikum finden. Und schließlich war ich so oft dem Tode nah, dass alleine das schon Aufmerksamkeit auf sich ziehen wird. Und schließlich bin ich absolut offen und ehrlich in diesem Brief und Bericht.

Also zurück in jenes in mir. „Introspektion ist nicht möglich“, lautet ein Merksatz in der Psychologie. Das heißt, von außen ist eine Innenansicht in die psychischen Vorgänge eines Menschen nur durch Selbstbeobachtung und Selbstbetrachtung möglich. Und selbst diese täuscht, denn die muss die Filter des Bewussten durchlaufen, um an die Außenwelt zu gelangen. „Wir müssen die Emotionen im Hinterkopf durch all die Hirnlappen hindurch ins Vorderhirn jagen“, um zu einer rationalen Bewertung der inneren Vorgänge eines Menschen zu kommen. Diese Rationalisierung jedoch filtert die Aussagen des Innenlebens durch die Schablone der Veranlagung des Hirns sowie durch das Erlernte – und entzieht sich so einer vergleichenden Betrachtung.

Deshalb versuche ich in meinen Texten Dinge so ungefiltert wie möglich wiederzugeben. Um sie dann dem Verstand zugänglich zu machen. Erschwerend kommt jedoch hinzu, das bewusste Introspektion, das achtsame Hineinhören in sich selbst seinerseits gefiltert wird, nämlich durch die eigenen Wahrnehmungsfilter, so das instinktives Handeln sich oft nicht rational bewerten oder analysieren lässt. Die Gewohnheits-Datenautobahnen brennen sich durch Erfahrung so tief in unser unbewusstes Hirn ein, dass wir selbst oft Schwierigkeiten haben, sie zu erkennen, geschweige denn zu erklären. Nun kann ich aufgrund meiner Erfahrung, nämlich positive wie negative Extremausprägungen von Emotionen und Verhaltensweisen berichten, vielleicht sogar etwas besser als andere Menschen, die diese Ausbrüche nicht erleben und dennoch in ihren eingeübten Verhaltensmustern genauso „gefangen“ sind.

Ich zum Beispiel habe es gelernt, die künstlichen Downs, induziert durch die Medikamente zu genießen. Das Gefühl des Abgehobenseins, den leichten Schwindel, das Gefühl nicht ganz bei mir zu sein, selbst die vegetativen Veränderungen im Körper wahrzunehmen ohne sie steuern zu können, das Gehen, welches eher an ein langsames Dahinschweben erinnert, die Zeit, die unfassbar schnell vergeht. Das Eingeständnis, dass in diesen Momenten ich nichts dagegen tun kann, sondern mich hinsetzen bzw. hinlegen muss und es einfach vorüberziehen lassen. Die Machtlosigkeit des bewussten Ichs gegenüber dem Unbewussten hinzunehmen und zu akzeptieren ist wichtig für mich im Laufe dieser Genesung geworden. Die Frage, die dabei auftritt ist natürlich: Wer oder was steuert denn diese unterbewussten Prozesse, auf die wir mit Therapie und medizinisch einwirken wollen? Das Freudsche Über-Ich?

Die beschriebenen Prozesse laufen üblicherweise automatisiert ab und all die Übungen und Skills und Tools die wir hier lernen, zielen darauf ab, diese Automatismen zu beeinflussen. Dass das funktioniert, weiß jeder, der schon einmal in einem Land mit Linksverkehr gefahren ist. Das automatisierte Rechtsfahren muss vom Verstand übertüncht werden, was auch gelingt (auch wenn ich mich zumindest des öfteren auf der falschen Straßenseite wiedergefunden habe) denn dahin zwingt mich das erlernte, automatisierte Rechtsfahren. Erst nach einiger Übung gelingt es, auch unbewusst die „richtige“ Straßenseite zu befahren. Das Hirn hat also nach einiger Zeit gelernt, den Automatismus um zu steuern. Genau so ist es mit den unbewussten Prozessen z.B. in einer Suchterkrankung auch. Der automatisierte Griff zur Flasche oder zum Joint muss wegtrainiert werden, wie das Rechtsfahren im Linksverkehr auch.

Nun ist das in der Gesellschaft im allgemeinen sehr viel schwieriger als im streng regelgeleiteten Straßenverkehr. In der Kneipe zugeprostet wird mit rechts und links gleichermaßen. Rauchen kann man mit beiden Händen. Insofern sind diese gesellschaftlichen Automatismen weitaus schwieriger neu zu Konditionieren. Es ist machbar, aber erfordert viel Zeit und viel Übung. Vor allem, wenn es um seelische Gesundheit geht.

Ich möchte noch einen Augenblick bei der Seele verbleiben. Seele, was ist das? Kann man sie sehen? Messen? Riechen? Schmecken? Betasten? Ist sie unser Verstand, unser Geist? Nein, sie bleibt sowohl der körperlichen Erfahrung wie auch der geistigen Kontemplation unzugänglich. Was passiert aber, wenn zwei Seelen sich begegnen? Die Seele hat eine riesige Bedeutung für unser menschliches Dasein. Es ist genau die Tatsache, die uns vom Tier als auch von der Maschine unterscheidet. Hat ein Regenwurm eine Seele? Oder ein Roboter? Wohl kaum. Der Mensch hingegen eben doch. So tut er im Seelischen Dinge (empfängt und sendet Liebe und äußert Gefühle via Sprache und Denken), die ihm weder körperlich noch geistig scheinbar einen Vorteil bringen. Und wie bei allem lässt sich die gesunde seelische Verfassung eines Menschen am besten an der Erkrankung festhalten. Durch das abnormale wird die Norm erst konstituiert.

Die Seele und das Seelenheil sind mir im Laufe dieses Lebens sehr wichtig geworden. Als ich von zwanzig Jahren darüber schrieb, waren es die wunderschönen Emotionen des Verliebtseins, welches die Texte und Gedichte prägte. Das ist auch heute noch teilweise so, dazu gekommen ist aber diese neue Ebene, die Seelenebene. Sie geht über das einfache zwischenmenschliche hinaus, sie projiziert Liebe in einer anderen (höheren?) Ebene, sie transzendiert und wirkt sowohl über die Emotion als auch über Taten. Die Augen sind der Spiegel der Seele, sagt man. Das ist aber nur ein Teil der Wahrheit, denn die Seele funktioniert auch ohne direkten Blickkontakt hinaus. Man kann die Seele eines Menschen oder höheren Tieres also fühlen. Nur wir wissen nicht genau, wie. Der Rettungsruf SOS heißt „Save Our Souls“ und nicht „Save Our Minds“ oder „Save Our Bodies“ Was also ist damit gemeint? Ein Priester nennt sich „Seelsorger“ und nicht „Geistsorger“ oder „Körpersorger“. Gewiss, diese Begriffe sind historisch und stammen aus Zeiten, in denen die Seele als religiöser Standardbegriff galt. Doch was ist die Seele nun ohne diesen historischen Kontext?

Auf jeden Fall ist die Seele das Organ der Liebe. Ohne Liebe verkümmert der Mensch, ohne Seele wird er kalt wie eine Maschine. Seelen schaden sich nicht, zumal wenn sie sich angezogen fühlen. Die Seele ist eines der letzten Großen Geheimnisse der Wissenschaft, und unsere Psychologie ist erst zweihundert Jahre alt. Seelen hingegen gibt es seit Jahrtausenden. Die Frage ist, ob diese Seelen über das Körperliche und Geistige hinaus existieren, als Energien oder als Kraft-Felder. Ich finde das jedenfalls eine spannende Theorie.

Zumal es in der Wissenschaft sehr große Hinweise auf Seelentätigkeit gibt. In der Theologie sowieso aber auch in der Medizin, wo der Placebo-Effekt den Einfluss nicht chemischer Prozesse auf Heilung dokumentiert. Die Seele wirkt, sie kann heilen, sie kann aber auch erkranken. Ein spannendes Feld, diese Seelenlehre.

Samstag. Es schneit. Der erste Schnee in diesem Winter der Unsicherheit. Leider schmilzt er sofort weg, wenn er auf den nassen Boden trifft. Typisches November-Wetter. Wie die Flocken eine schöne Weihnacht versprechen, dem Nass auf den Straßen aber nicht standhalten können, so schmelzen auch meine Hoffnungen für ein besseres Leben in dem schmutzigen Sumpf der Vergangenheit dahin. Ich versuche, alles richtig zu machen. Dennoch breitet sich ein Gefühl der Unzulänglichkeit aus, ein Gefühl der Machtlosigkeit vor der Krankheit. Ich habe gut geschlafen, bin aber innerlich unruhig, träume wirr und unvollständig, keine der Botschaften aus meinem Unterbewussten sind klar. Es sind nur Gedankenfetzen, die in eine wie auch immer geartete Zukunft schauen, viel Gutes Gefühl dabei, vieles aber durchzogen von einer nicht genauer definierbaren Furcht. Furcht vor was? Vor dem Neuen? Schlimmer als das Alte kann es nicht werden. Was soll bitte schlimmer sein, als den eigenen Abgang erleben zu müssen?

Deshalb betrachte ich die Zukunft mit etwas Spannung und mit mulmigen Gefühle im Bauch. Ich weiß die Institutionen der Gesundheitsfürsorge hinter mir und realisiere die Wichtigkeit dieser Auszeit hier. Eine Auszeit vom Werdenden, das retardierende Moment, das im klassischen Fünf-Akt-Schema der griechischen Tragödie dem Ende, der Katastrophe (hier im Sinne gemeint von Lösung) existiert.

Ich habe Hunger – und kann schlecht essen. Ich habe Durst und trinke zu wenig, Ich will rennen, doch meine Hüfte behindert mich, Ich will frei denken, doch die Gedanken kreisen um Profanes. Ich will lieben, doch die Liebe ist fern. Ich will sein, doch das Sein ist eine Qual, gesprenkelt mit ein paar Funken Hoffnung. Mein Verstand ist klar, meine Emotionen sind betäubt, mein Blick ist wach aber ängstlich.

Ich habe einen Tunnel malen dürfen gestern in der Kunsttherapie. Natürlich malte ich den Nahtod-Tunnel, den ich einige Male schon durchflogen bin, durch die Farben hinein in das Licht. Das weißeste, hellste und schönste Licht überhaupt. Ich durfte mein Gemälde vorstellen und berichtete davon. Hier in der Klinik gibt es einige Patienten mit ähnlichen Erfahrungen, so dass man daraus fast eine eigene Gruppe formen könnte. Ich bin also nicht alleine mit diesen Grenz-Erfahrungen – nur wird darüber meines Empfinden nach zu wenig gesprochen. Solche Ereignisse verändern Menschen, verändern die Wahrnehmung der Wirklichkeit. „Wie bist du zurückgekommen?“, wurde ich gefragt. „Voll der Dankbarkeit und Demut“, antwortete ich. Die Schilderung eines real existierenden Jenseits bewegt die Gemüter, schließlich ist es eine Reise, auf die wir alle einst begeben müssen. Und sie relativiert so vieles. Plötzlich bekommt das Spirituelle eine ganz andere Bedeutung als zuvor. Plötzlich ist da dieses Etwas, welches es zu erkunden und zu erforschen gilt. Was für die meisten Menschen ein Abstraktum ist, ist für mich fühlbare Realität. Ob nun im Traum, in Trance oder einfach nur in einer Eingebung, immerzu grenzt das Metaphysische an das Sein, manchmal überlappt es sich auch. Das sind dann diese besonderen Momente, von denen auch mein Schreiben zehrt.

Ich lese viel in diesen Tagen. Es tut gut, sich von den anderen Autoren Dinge abzuschauen. Und ich esse viel Süßes – mein Zahnarzt wird es mir danken. Immerhin bin ich weg von der Sucht – seit fünf Monaten jetzt, und immer noch wirft sie täglich ihre Schatten in mein Leben. Du wirst dein ganzes Leben damit konfrontiert sein, hämmert es in meinem Hirn. Die Krankheit ist nicht heilbar, man kann sie aber stoppen. Das zu verstehen erfordert tägliche Übung. Die Gewissheit, an einer tödlichen Erkrankung zu leiden zwingt einen zum gründlichen Nachdenken, auch über die eigene Endlichkeit und relative Unbedeutsamkeit des Einzelnen. Aber wenn ich mit diesem Text auch nur eine Seele erreiche und Dinge zum besseren verändern kann, hat sich all die Mühe schon gelohnt.

Sonntag. Heute mal keine Kirche, sondern Wäsche waschen. Es ist kalt geworden und es hat geschneit. Im Sommer bin ich hierher gekommen, im Winter gehe ich. Es war ein kurzer Herbst hier in der Klinik und ich habe von all dem Jahreszeitenwechsel kaum etwas mitbekommen, so war ich mit mir selbst und dieser Therapie beschäftigt. Ich fühle mich gut, aber etwas matt von den Medikamenten – und der Ausschlag in meinem Gesicht, der von der allgegenwärtigen Corona-Maske kommt, hat sich wieder verschlechtert. Also renne ich hier mit hochroten Backen herum. Vielleicht sollte ich eine Befreiung von der Maske beantragen, angeblich kann man das tun. Aber zum Schutze meiner selbst und anderer trage ich die Maske doch gerne und nehme die roten Flecken in Kauf. Gleich ist wieder Mittagsessen, und täglich grüßt das Murmeltier.

Heute ist Geburtstag meiner Tochter, herzlichen Glückwunsch von hier aus. Ich kann mich sehr gut erinnern an den Tag vor 26 Jahren, als Du das Licht der Welt erblickt hast, mein Kind, mein Wunschkind, meine Partnerseele, ich liebe Dich über alles. Auch wenn sich unsere Wege getrennt haben, und das ist auch gut so, denke ich an Dich täglich. Du musstest meinen Absturz ja nicht aus nächster Nähe erleben, gehst Deinen eigenen Weg. Ich hoffe inständig, dass ich Dich gut darauf vorbereitet habe. Ich denke aber schon und lasse Dich frohen Mutes ziehen. Du bist im Gebet bei mir.

Heute also keine Hugenotten-Kirche sondern eher stille Andacht im Zimmer und vor dem Rechner, der unermüdlich meine Worte schluckt. Wie ein treuer Kumpane lässt er ohne Widerstand die Prozedur des täglichen Schreibens über sich ergehen. Sommers wie Winters ist er für mich da und nimmt meine Ergüsse klaglos hin – so wie meine Leser hoffentlich auch. Schließlich möchte ich mit diesem Tagebuch und Brief zum Denken anregen.

Gestern habe ich stundenlang meditiert und mein Hirn tatsächlich in einen seltsamen Modus gebracht. Dabei habe ich eine teilweise Lähmung der Extremitäten erlebt und die Unfähigkeit, mich an irgendwas zu erinnern. Ich war komplett im hier und jetzt. Ich war wach, aber nicht hier. Mein Gehirn hatte abgeschaltet, das Kopfkino hatte eine Pause gefunden und die Gedanken kreisten nicht mehr um die allgemeine Lage oder über für mich belanglose Nachrichten aus aller Welt. Zum ersten Mal konnte ich die Konzentration nur auf mich und den Augenblick lenken. Mir ist bewusst, das mein Hirn dabei Höchstleistungen vollbringt, jedoch auf einer Ebene, die uns so einfach nicht zugänglich ist. Aber es war ein gutes Gefühl, zumal ich die Angst vor dem Zustand endlich ablegen konnte. Die Angst nämlich, nicht wieder in das hier und jetzt zurück zu finden. Jedes mal, wenn ich in Trance gehe, begleitet mich diese Angst, die Angst sich komplett in die Meditation fallen zu lassen. Es macht etwas mit mir. Was allerdings genau, bleibt mir ein Rätsel. Aber ich habe Trost gefunden und um Vergebung gebeten und erhalten. Auch ein Licht habe ich am Rande gesehen, bin allerdings diesmal nicht in das Licht eingetreten, sondern habe es vom Rande aus beobachtet. Schön war es, wie immer, warm und freundlich. Ich fühlte den Hang meiner Seele, diesen Körper verlassen zu wollen und in die spirituelle Sphäre einzutreten.

Immer wieder bin ich erstaunt darüber, wie viel Zeit diese Innenschau benötigt. Und hier habe ich tatsächlich die Zeit, diese Innenansicht zu er-leben. Ich spüre den Drang zum Metaphysischen und stelle mir vor, dass ich in diesem Leben auch beruflich mich diesen Dingen widmen muss. Das heißt, meine neue Beschäftigung muss sich in irgendeiner Art und Weise mit diesen Dingen beschäftigen – oder aber mir den Raum und die Zeit lassen, dieses zu tun. Meine Erfahrungen sind zu wertvoll, um sie einfach im Äther verklingen zu lassen, ohne die Resonanz auf die Schwingungen zu erzeugen und zu ermöglichen, wie es meine Seele jenseits des menschlichen Alltagslebens tut.

Es tut gut, in die Stille zu hören in das Rauschen der Welt, ohne selbst ein Teil oder ein Getriebener dieses Rauschens zu sein. Es tut gut zu erfahren, dass es jenseits unserer materiellen Vorstellung andere Sprach- und Kommunikationsräume gibt. Es tut gut, Liebe zu erfahren und geben zu können. Und das auf hohem spirituellen Niveau. Jetzt verstehe ich auch, warum ich diese Auszeit brauchte. Um mich selbst besser, oder von einer neuen Seite kennen zu lernen. Der Aufenthalt hier dient also nicht nur der Abstinenz von der Sucht, er ist auch Teil eines Selbsfindungsprozesses.

Zum Arbeiten bin ich fit, laut Arbeitstherapie, doch sollte diese Arbeit zumindest etwas beinhalten, was ich im Laufe dieses Prozesses gelernt habe. Nicht wieder ein Verstellen des Selbst, nicht wieder eine Rolle, die ich weder spielen kann noch will. Eine Tätigkeit, in der mein Können (was ja beachtlich sein soll) und meine Fähigkeiten zum Wohle aller unter Beweis gestellt werden kann. Die zwanzig plus Jahre in der Politik, mit tiefer gehenden Gedanken sollen ja nicht umsonst gewesen sein, auch wenn ich im Augenblick mehr als Bittsteller denn als Macher auftreten muss. Das hat das Denken ja nicht gestoppt. Im Gegenteil, durch die Nichtbeschäftigung im Außen hat sich die Beschäftigung mit dem Innern ja nur noch vermehrt. Auch durch die Grenzgänge zwischen Alltag und Meditation, zwischen aktivem Handeln und Introspektion, zwischen krank und gesund und zwischen Leben und Tod haben mein Denken verändert. Ich bin viel bescheidener geworden, lade nicht jedes Problem in der Welt auf mein Gewissen und wirke da, wo ich eben nun kann, mit der Hilfe anderer auch. Auch dafür bin ich zur Dankbarkeit verpflichtet, dem Personal hier, genauso wie den mir verbleibenden Freunden und meiner Familie, die es mit mir weißgott nicht einfach hat(te).

Nun schält und häutet sich der Kern des Seins. Wie in einer Metamorphose schält sich etwas heraus. Das dabei Substanz verloren geht, ist klar. Substanz, die allerdings geprägt war von falschen Vorstellungen und Wünschen, die ich von anderen adaptiert hatte. Man will es ja jedem recht machen und dabei macht man so vieles falsch, weil man sich seiner eigentlichen Aufgabe verschließt und verbohrt dem Ideal anderer nachhängt, anstatt sich sein eigenes Ideal zu bauen und seine eigenen Ziele zu verfolgen.

Das alles habe ich erfahren in meiner Innenschau, in meiner Selbsthypnose, in meiner Autosuggestion, in meiner Trance, in meiner Meditation. Unbewusste Prozesse an die Oberfläche kommen lassen, ohne dabei von diesen beherrscht zu werden ist die Kunst für ein weiteres, tieferes Dasein, in das ich die ersten Schritte unternommen habe. Ich hoffe ja, dass das ausgelebte tiefere Dasein nicht zu sehr von Folklore oder anderem gesellschaftlichen Brimborium begleitet sein wird. Mit Goethes Worten, ich suche einen Ort, wo ich sein darf, Mensch sein darf, und nicht als minderwertiger Teil einer Machtmaschine fungieren muss.

Freies Denken kann gefährlich sein, in anderen Gesellschaften noch viel mehr als bei uns. Doch kann ich die Lücken im Gesellschaftsgefüge nutzen, um dort eben befreit mir meine Gedanken zu machen. Ob sie dann gehört werden, steht auf einem ganz anderen Blatt.

Ich schreibe diese Zeilen auch etwas in Trauer, denn ich habe von meinen Großeltern geträumt, von einer noch heilen Welt, in der ich zeitweilig leben durfte. Ich bewundere jeden, der ein Teil heile Welt leben darf. Das ist gut so. Übrigens ein Grundpfeiler meines liberalen Denkens: Die Menschen machen sich schon das gute Leben wenn man sie nur lässt. Da braucht es keinen Allumfassenden Patriarchen, schon gar nicht in Form eines Staates, um ihnen zu erklären, was gut für sie ist. Hilfe, ja, so wie jetzt in meinem Fall. Hilfe kann der Staat geben. Aber steuern sollte er die Leute nicht.

Aber es war doch gut, Dein Leben, warum hast Du es dahin gegeben? Nein, das ist nur teilweise wahr. Die Fotos der „glücklichen“ Zeit zeigen nur die halbe Wahrheit. Sie zeigen nach außen ein schönes Bild, vieles sieht im Nachhinein aus wie eine Idylle (der stolze Vater mit dem glücklichen Kind). Doch Kopfschmerzen und Unwohlsein sieht man auf den Bildern ja nicht. Ich kann mich an vieles erinnern, Situationen, die zwar nette Fotos hervorbrachten, in denen ich mich aber hundeelend fühlte. Lange Zeiten in meinem Leben, was ich zwar gelebt habe, aber welches nicht mein Leben war, sondern immer nur die Erwartungshaltung anderer verkörperte. Das ist nun zum jähen Ende gekommen. Ich will diese Art von Kulissenleben nicht weiter führen und lasse nun alle Masken fallen, um das wahre Gesicht des Markus zu leben, das wozu er einst geboren wurde. Um Dinge zu er-leben, zu be-greifen, zu ver-stehen. Und dann um mit-zu-teilen.

Ich spüre etwas aufsteigen in mir, abseits von Wut oder Scham oder gar Mitleid. Noch bin ich hier, noch kann ich darüber schreiben, noch kann ich über die Unwägbarkeiten eines verkorksten Lebens berichten. Noch schlägt mein Herz, allerdings neuerdings viel zu schnell, so dass berechtigte Annahme besteht, dass es etwas Schaden genommen hat, in den Stürmen des Lebens. Ich muss mit dem Rauchen aufhören, so lange ich noch kann! Unglaublich, was wir uns mit Alkohol und Nikotin über Jahrzehnte antun. Bei nüchterner Betrachtung macht das überhaupt keinen Sinn. Wir sind nicht geboren worden, nur um verzögerten Suizid mit Suchtmitteln zu verüben. Jeder Arzt würde da sofort zustimmen!

Was macht es dann so schwierig, auf diese Gewohnheiten zu verzichten? Was ist die treibende Kraft hinter der Sucht? Wenn ich das wüsste, säße ich nicht hier in einer Suchtklinik! Eskapismus, die Flucht aus der realen Welt, die einem so viel Leid angetan hat, ist sicherlich eines meiner Hauptmotive. Erst jetzt, mit über 50 Jahren verstehe ich, wie verhängnisvoll in der Kindheit erlittene Traumata im höheren Alter sein können. Lange Vergessenes kommt zum Vorschein, lange Verdrängtes dringt an die Oberfläche und mit der Unmöglichkeit, diese Prozesse zu stoppen, greift man zum chemischen Hilfsmittel, um das Trauma weg zu bekommen. Diese Prozedur ist selbstverständlich niemals von Erfolg gekrönt – kann sie gar nicht sein, denn das Trauma sitzt tiefer als die Sucht, ist Ursache und nicht Wirkung. Nicht die Sucht verursacht das Trauma, sondern das Trauma verursacht die Sucht. So wird ein Schuh daraus.

Also besteht die einzige Möglichkeit der Traumabewältigung darin, hinter die Kulissen zu schauen und das geht nur, wenn dauerhaft keine Suchtmittel in Spiel sind, sondern die nackte, oft unschöne Wahrheit auf dem psychologischen Behandlungstisch liegt. Das wiederum erfordert Vertrauen, sowohl in die Wirksamkeit der Therapie wie in die Therapeuten auch. Dieses Ur-Vertrauen in die Menschen ist traumatisierten Kindern jedoch genommen worden und ist im Erwachsenenalter nur schwerlich wieder herzustellen, da wir es mit hochemotionalen Prozessen zu tun haben, die tief in unseren Hirnwindungen ablaufen, größtenteils auch noch unbewusst dazu und es Jahrzehnte dauern kann, bis sich ein Kindheitstrauma in eine handfeste psychische Erkrankung manifestiert.

Und genau das ist bei mir passiert. Ich habe jahrzehntelang verdrängt und die Selbstreflektion mit dem Geschehenen verweigert. Immer übertüncht, immer den Normen entsprechend, oftmals darüber, versucht, die seelischen Verletzungen, die ich in früher Kindheit und Jugend erlitten habe, zu verbergen. Erst jetzt, mit dem Absturz hin bis zum Selbstmordversuch fange ich an, mich mit diesen Prozessen vertraut zu machen und die Dinge so zu akzeptieren, wie sie sind und nicht, wie sie sein sollen. Es ist ein schmerzhafter Prozess, den ich unter „Normalbedingungen“ wohl nie angefangen hätte. Aber jetzt geht es endlich mal in diesem Leben nur um mich, um meine Gesundheit und dieses Denken ist neu für mich, der es lange Jahre lang gewohnt war, über die Sorgen und Nöte anderer zu brüten. Das hat mich letztendlich krank gemacht und monatelang ins Krankenhaus und wahrscheinlich jahrelang in Therapie. Die Frage ist nur, wie kaputt bin ich schon und was lässt sich noch retten? Werde ich zum Pflegefall oder schaffe ich es noch, auf eigenen Beinen zu stehen? Kommt da in diesem Leben noch was – oder war es das schon? Und den Rest verbringe ich als Patient?

Wir werden sehen. Ich sehe die Lage hoffnungsvoll. Voraussetzung allerdings ist, dass ich a) nüchtern bleibe und b) aus den Schablonen und Denkmuster der anderen ausbreche. Ich muss mein Leben selbst gestalten, sonst gestalten andere es für mich. Lasse ich mich wieder darauf ein, in Kompromissen und Schubladen zu denken, werde unweigerlich noch kränker werden und am Ende mit der Krankheit sterben.

Ich kann, und tue, mich glücklich schätzen, dass ich überhaupt noch da bin und all dies erzählen kann. Im alten Denken ist das Sein-an-sich eine Last und das existieren nur eine Abfolge von schmerzhaften Prozessen. Im neuen Denken ist das Sein-an-sich ein Geschenk, die Bonusrunde nach dem durchgespielten Leben. Jeden Herzschlag, den ich verspüre nehme ich an als Geschenk. Ich hätte längst nicht mehr da sein sollen und habe erneut eine Chance bekommen.

Ich hoffe, ich langweilige Dich nicht mit diesen Gedanken, liebe Alte Seele. Doch hier in der Isolation habe ich endlich die Zeit und die Muse, etwas tiefer in die erstarrten Schemata des Denkens einzutauchen. Ich wurde von der Krankheit sprichwörtlich aus dem Leben gerissen und habe die Abwärtsspirale umgedreht. Denn alles, was wir tun, ist erst einmal nur ein Gedanke. Denken, Fühlen, Handeln. Die drei Grundsäulen unseres Seins und jeder Schritt bedingt den anderen. Alles hängt mit allem zusammen, über die Windungen unseres Hirns genauso wie durch die Tiefen unserer Seele.

Mein Abendgebet: Bitte Herr, lass mich die Dinge, die ich gut tun kann, tun. Und die Dinge, die ich nicht ändern kann, gelassen hinnehmen.

Montag, kurz vor dem Mittagsessen. Gruppentherapie, wieder hat es ein Mitpatient nicht geschafft und musste wegen eines Rückfalls die Therapie vorzeitig beenden. Obwohl hoch motiviert. Das zeigt einmal wieder, mit was für einer heimtückischen Krankheit wir hier es zu tun haben. Noch so viel Extrovertiertheit und nach außen kehren seiner Probleme hilft wenig, wenn man in der Introspektion, das heißt der Schau nach innen nicht stark genug ist, der Versuchung zu widerstehen. Eine Versuchung, wieder in alte Gewohnheiten zu fallen, wenn das Netz, welches man um und unter sich spannt dann im Ernstfall nicht trägt. Mich lässt das im Augenblick, wenn ich ganz ehrlich bin, relativ kalt. Ich bin zu sehr mit mir selbst beschäftigt, als dass ich auch noch die Sorgen anderer auf mich laden könnte. Ich glaube, das ist auch gut so, denn die Sinnhaftigkeit einer solchen Therapie macht sich ja letztendlich am eigenen Verhalten danach fest. Hier drin ist alles recht einfach. Klare Regeln, eine klare Tagesstruktur, der man sich beugen kann und muss. Aber draußen ist kein Therapeut 24/7 an deiner Seite. Draußen sind wir auf uns alleine gestellt gegenüber den An- und Überforderungen der Gesellschaft und nicht jeder ist denen auch gewachsen. Ich kann nur für mich selbst sprechen und da sehe ich mich auf gutem Wege zur vollständigen Abstinenz, immer mit dem Schlimmsten vor Augen, welches sich unweigerlich wiederholte, änderte ich nicht grundlegend Dinge in meinem Denken. Du hast etwas geschafft. Woran andere jetzt schon gescheitert sind. Wollen wir mal hoffen, das es dabei auch in Zukunft bleibt. Glaube an die Abwesenheit des Bösen und das Gute ist da. Es geht hier schließlich weniger darum, etwas zu tun, sondern etwas zu lassen. Freiwillig zu lassen, um sein Verhalten gegenüber der Gesellschaft und vor allem sich selbst zu ändern. All diese Institutionen sind dafür gebaut worden, um Leuten wie mir zu helfen. Da ist das Mindeste, was ich tun kann, mich an die Spielregeln dieser Institutionen zu halten. Schließlich verhindern sie einen weiteren Absturz, der für mich der letzte sein könnte. Immer wieder jeden Tag muss ich mir die Ernsthaftigkeit der Lage vor Augen halten! Ich habe keine Spielräume mehr, was die Sucht betrifft. Es gibt nur diesen einen gangbaren Weg, so unangenehm er auch manchmal sein mag und so widerwillig man sich seinem eigenen Versagen täglich neu stellen muss.

Dienstag. Angstkurven haben wir gezeichnet. Wir sind jetzt in der Behandlung endlich an den Ursachen der Sucht angekommen. Angst bedingt Sucht und Sucht bedingt Angst. Mit fortschreitender Abstinenz kommen die eigentlichen Ursachen derselben zum Vorschein, nämlich die Angststörung und die Bipolarität. Ich sehe ganz deutlich im Verlauf der Angstkurven (das Hirn ist nicht in der Lage, ein 100% Angstniveau länger als 20 Minuten zu halten) die Schwachpunkte, die ich habe. Ich habe das Suchtmittel benutzt, um damit die Angst zu bekämpfen. Und zwar just in dem Moment der Abspannung und nicht der Anspannung. Ich schalte im Moment der Anspannung in einen „Überlebensmodus“, der dafür gut ist, in einer Panik-Situation zu funktionieren, das heißt, im Ablauf eine notwendige Tätigkeit nach der anderen auszuführen (beispielsweise beim Zugfahren). Es ist wie die negative Seite des positiven „Flows“. Äußerste Konzentration auf das Wesentliche, zum Überleben Notwendige, unter Ausschaltung des rationalen Verständnisses der Folgen der Handlungen. Nun sind in meinem Fall diese Angst-Attacken wiederkehrend und haben sich von den ursprünglich sie auslösenden traumatischen Erlebnissen verselbständigt. Um diese Attacken zu unterdrücken, habe ich jahrelang zum dämpfenden Mittel Alkohol gegriffen. Ich habe mich also selbst „behandelt“, in dem ich die aus dem Unterbewussten kommenden, der Wirklichkeit nicht entsprechenden, Impulse niedergedämpft habe, um die nächste Attacke zu verhindern. Als „Nebenwirkung“ dieser „Selbstmedikation“ entstehen dann wiederum neue Angszustände, wenn das Suchtmittel ausbleibt. Und fertig ist die Teufelsspirale von Angst und Sucht, die es mit Hilfe der Therapie zu durchbrechen gilt.

Erst jetzt verstehe ich, wie krank ich eigentlich bin. Dass die Ursachen der Sucht in traumatischen Ereignissen liegen, dass diese aufgearbeitet werden müssen und nicht mit Suchtmitteln unterdrückt werden dürfen, da dies das Leben mit dem Trauma tatsächlich verschlimmert und neue traumatische Situationen hervorruft, die dann wiederum neues Suchtverhalten provozieren. Das ist des Pudels Kern, mit Goethes Worten. Was ich bräuchte, was aber sehr schwer oder gar nicht mehr herzustellen ist, ist das Ur-Vertrauen in das Sein und in andere Menschen. Mein Unterbewusstes geht immer vom Schlimmsten aus, völlig losgelöst vom eigentlichen Geschehen in der Welt. Es hat gewissermaßen ein Eigenleben entwickelt, welches durch die Sucht reguliert wurde. Und das über Jahre hinweg, so dass sich die Suchtmechanismen tief in mein limbisches System eingebrannt haben und automatisiert konsumiert wurde, um die regulatorischen Prozesse im Hirn in Gang zu halten. Bis es eben nicht mehr ging und die Sucht zum determinierenden (bestimmenden) Faktor wurde. Die Angst vor der Nüchternheit hat mein Konsumverhalten geprägt und nicht der anfängliche Wunsch nach Rausch.

Nüchtern betrachtet habe ich die Sucht in meinen Jugendjahren entwickelt. Untersuchungen zeigen, dass Jugendliche schon in kurzer Zeit eine Sucht entwickeln können, für die der Erwachsene fünfzehn Jahre und länger benötigt. So waren meine prägenden Jahre im Alter von 14 bis 16, in der die Sucht schon entstanden ist. Das sind grob gerechnet vierzig Jahre, die ich diese Krankheit mit mir herumschleppe, allerdings mit langen Pausen (die längste immerhin 15 Jahre). Dies zu verstehen und zu akzeptieren ist der erste Schritt in der Ursachenbekämpfung der Sucht. Erst war die Angst, dann kam die Sucht und dann kam die Angst doppelt zurück – und es bildeten sich weitere psychische Störungen heraus. Ich möchte klar sagen, dass die anderen Störungen sich gerade in trockenen Zeiten vermehrt gezeigt haben! Also ist nicht die Sucht ursächlich für die Erkrankung, sondern die Erkrankung hat die Sucht weiter befeuert.

Was heißt das nun für die Zukunft? Nach Abschluss der Entwöhnungsbehandlung hier gilt es, die ursächlichen Dinge weiter zu behandeln. Dies muss ich der Suchtnachsorge und in einer anschließenden Psychotherapie geschehen. Nur so lässt sich ein Wiederaufflackern der Sucht nachhaltig vermeiden. Die Sucht (egal mit welchem Suchtmittel!) hat sich manifestiert und ist im Suchtgedächtnis gespeichert, genau wie die Traumata auch und sie bedingen sich gegenseitig. Über bewusste Techniken nun versuchen wir, dieses eingespielte Tandem aufzulösen und so genannte „Trigger-Ereignisse“ zu bearbeiten und zu verhindern.

Nach außen sieht man diese Prozesse nicht. Nach außen sieht man nur die Sucht und man wird so auch abgestempelt. Nach den Ursachen zu fragen, bleibt Ärzten und Therapeuten und vielleicht den engsten Familienmitgliedern vorbehalten. Weil diese Menschen einen Wert in diesem Dasein erkennen und sich freiwillig für das Wohl des anderen verpflichtet haben. Das spendet Trost. Ein Faktum, welches unsere Gesellschaft zur humanen Gesellschaft macht, obwohl im Alltag oft Konkurrenz und Wettbewerb vorherrschende Themen sind.

„Jeder stirbt für sich allein“, ist ein ziemlich schlechtes Motto, wenn wir als Menschen zusammen leben wollen. Wir sind soziale Wesen. Und dazu gehört auch die Akzeptanz der Schwäche des anderen. Wir alle haben Idealvorstellungen vom Leben und werden dann bitter enttäuscht, wenn sich diese Vorstellungen nicht verwirklichen lassen. Oft leidet der Selbstwert, oft kommen Depressionen und andere psychische Leiden dazu – in unserer spätkapitalistischen Leistungsgesellschaft ohnehin. Mehr Besinnung auf das Menschsein täte Not.

Auch hierzu ein Gedicht von mir. Nur ein Einzeiler: „Maschinen, nein, das sind wir nicht, wir tragen noch des Herzens Licht“.

Erst jetzt verstehe ich, wie krank ich eigentlich bin. Diesen Satz muss man sich auf der Zunge zergehen lassen. Krank im Bezug auf was? Mich selbst? Die Gesellschaft? Andere? Der Selbstzerstörungsmechanismus kommt aus dem Gefühl der Minderwertigkeit. Wozu soll ich noch sein, wenn ich nicht das sein kann, was ich sein will? Ja, nicht einmal weiß, was ich sein will? Verkleidet in dieses vermeintliche Paradox schleicht sich der Gedanke der Nicht-Existenz. Was denkt jemand, der nicht existiert? Nichts. In einer depressiven Phase obsiegt das Nichts über das Alles und das Sein ist nur noch lästige Pflicht. Das Sein ist Qual und Schmerz und die Frage nach der Sinnhaftigkeit eines leidenden Daseins ist permanent. Im Übrigen ist die Weltliteratur voll mit Beispielen dieses Kampfes um Sinnhaftigkeit. „Sein oder nicht sein“, ist nicht nur die Frage, sondern „Warum dieses sinnlose Sein“?

Diese Fragestellung berührt mit die tiefsten philosophischen Gedankengänge der Menschen insgesamt. Die Sinnsuche. Manche suchen den Sinn in der Ausbildung ihres Egos. Andere suchen den Sinn, indem sie wieder anderen helfen. Die dritten suchen Sinn in Kunst und Literatur und wieder andere in Gott und Religion.

Meine Sucht und mein Niedergang ist auch Folge einer gescheiterten Sinnsuche. Mein kluger Schüler würde jetzt fragen: „Markus, was ist der Sinn des Lebens?“ Und ich müsste ihm antworten: „Ich weiß es nicht“. Sicherlich ist Sinn des Lebens nicht Leiden, obwohl (und die Bücher und die Bibel sind voll von diesen Geschichten) das Leiden auch ein Augenöffner für die Sinnhaftigkeit des Lebens sein kann, wenn man tief genug ins Leiden einsteigt und das Glück hat, es zu überleben.

Mittagessen. Schweinegulasch mit Kartoffel-Stampf. Lecker. Ich esse Fleisch hier in der Therapie, nehme aber nicht alle Mahlzeiten wahr. Draußen werde ich wieder freiwillig auf das Fleisch weitestgehend verzichten, aus ethischen wie gesundheitlichen Gründen. Aber hier scheint mir die Vollkost die richtige Wahl zu sein, um wieder zu Kräften zu kommen. Und das Essen ist sehr gut hier. Ich kann mich diesbezüglich nicht beschweren. An Hunger leiden muss ich gottseidank nicht, obwohl ich draußen sehr unregelmäßig esse, auch etwas, was ich von hier mitnehmen kann. „Ohne Mampf kein Kampf!“, wie ein Mitpatient es salopp ausdrückte.

Ich will noch ein wenig beim Leiden verbleiben. Denn Leidensgeschichten sind auch Geschichten, die man erzählen kann und vielleicht auch sollte. Aus Leid entsteht auch Erfahrung, die man teilen kann und vielleicht auch sollte.

Wie es zum Beispiel ist, in permanenter Angst zu leben, wie wir ja herausgefunden haben, der bestimmende Faktor in meinem Leben. In Angst vor täglichen Dingen, in Angst vor dem Einkaufen, dem Briefkasten, dem Arbeiten. In Angst vor den eigenen Alpträumen, in Angst vor Begegnungen, in Angst vor Beziehung und Bindung, in Angst vor allem und jenem. Leben in völlig unbegründeter Angst und ständiger Panik vor dem Kommenden. Das ist, was ich der Psychologie bieten kann. Eine Innenansicht eines Angstpatienten. Eine Introspektion.

Markus, vor was hast Du eigentlich Angst“, ist die Preisfrage. Ich weiß es nicht. Die Angst hat sich verselbständigt und von jedem äußerlichen Ereignis gelöst. Sie liegt wie ein bleiernes Kostüm auf meiner Seele. Ich habe Angst vor allem. Eine unbewusste Angst, die mein ganzes Leben zu bestimmen bedroht, die quält und lähmt – und die ich erfolglos versucht habe, weg zu betäuben. Lebensaufgabe muss es daher jetzt sein, sich dieser Angst zu stellen – um festzustellen, dass die Angst in den meisten Fällen völlig unbegründet war und ist. Angst ist ein notwendiger, archaischer Schutzreflex, der in der Evolution sicherlich seine Berechtigung hatte (die steinzeitliche Angst vor wilden Tieren zum Beispiel) aber in unserer modernen Gesellschaft keinen Platz mehr hat. Ängste lähmen und sind kontraproduktiv. Niemand sieht mir von außen die Angst an – aber sie ist mein ständiger Begleiter.

Einkaufen. Diesmal leider ohne Glücksmoment. Ich spüre die Krankheit, wie sie nach mir greift. „wie krank bist Du wirklich, Markus“ stelle ich mir die Frage. Ziemlich krank, weil die Angstattacken im Alltagsleben doch sehr hinderlich sind. Sie kommen aus dem Nichts und überfallen mich wie dunkle unsichtbare Gegner in der Nacht. Ständig muss ich auf der Hut sein, ständig aufpassen, dass sie nicht rücklings zuschlagen. Ein deja vu des tatsächlich vorgefallenen Überfalls? Ein Flashback? Nein, heute gottseidank nicht. Aber das Gefühl des Unguten begleitet mich wie ein Schatten. Ich werde es nicht los. Wie soll ich nur damit leben lernen? Ich fühle mich wie ein kleines Kind, welches Laufübungen macht und immer und immer wieder hinfällt. Fallen, aufstehen, weiter laufen. Und das im unendlichen Zyklus. Aber wie das Kind durch das Fallen letztendlich laufen lernt, so lerne ich wieder das Alltagsleben. Schritt für Schritt bestätigt sich das Selbstbewusstsein – und jeder weitere Tag ohne Fallen ist ein Geschenk. Auch ein Therapieerfolg.

Wie krank und kaputt bist du wirklich, Markus? Kann man dich heilen? Gibt es noch Hoffnung?Was kannst Du mit dieser Krankheit überhaupt noch machen? Diese Frage beschäftigt mich schon den ganzen Tag heute. Hoffnung gibt es sicherlich. Heilung bis zu einem bestimmten Maße auch, schließlich bemühe ich mich darum, nutze die Möglichkeiten unseres Gesundheitssystems, mache Therapien und höre auf die Beratungsstellen. Ich lerne jeden Tag dazu, und das ist für jemanden in meinem Alter auch nicht selbstverständlich. Zumal ich den Weg letztendlich alleine gehen muss. Und letztendlich passiert die Heilung in mir und nicht um mich herum.

Ohne Gesundheit ist alles nichts. Ein zweiter Satz, der in meinem Kopf herumschwirrt. Und mit Gesundheit meine ich nicht nur die Abwesenheit von Krankheiten. Mit Gesundheit meine ich auch die Fähigkeit, das Gute im Leben zuzulassen, die gebotene Hilfe auch anzunehmen. Die wildesten Pläne für meine Zukunft kann ich getrost in den Mülleimer der vertanen Chancen stecken, denn alles Kommende beruht auf die Annahme, dass ich gesund bin und bleibe. Und davon bin ich noch ein ganzes Stück entfernt.

Die Abwesenheit von Gesundheit stellt mich aber vor andere Fragen. Was benötige ich für ein glückliches Leben? Nicht wirklich viel. Sicherheit, ein wichtiges Thema. Geborgenheit. Fürsorge. Eine Lebensaufgabe. Eine gesund machende Umgebung, keinen krank machenden Job. „Das große Glück der Menschheit war schon immer das kleine Glück der Menschen“, hat mal ein sehr weiser Mensch gesagt. Und es stimmt auch. Aufs Wesentliche reduziert braucht der Mensch nur sehr wenig von den, was unsere Gesellschaft produziert. Vieles ist „nice to have“ aber nicht zwingend notwendig. Wir alle sollten uns den Spiegel vorhalten und uns fragen: „brauche ich das wirklich?“ Die Antwort wird in den meisten Fällen lauten: Nein. Und dennoch häufen wir weiter unnütze Dinge an, nennen das „Lebensstandard“, obgleich die Lebensqualität zugunsten der Lebensquantität verloren geht.

Bitte verstehe mich nicht falsch, Alte Seele. Ich plädiere nicht für eine von oben gleich verteilte Gesellschaft, ich bin Befürworter von Angebot und Nachfrage. Aber ich bin auch für eine Einsicht dessen, dass nicht all das, was wir in unserer Gesellschaft als erstrebenswert halten, dies auch ist. Bei mir zumindest ist notgedrungen ein sprichwörtliches Gesundschrumpfen, eine Besinnung auf den Kern des Seins notwendig.

Es fällt mir schwer, meine Gedanken, die aus der Tiefe der Emotion kommen durch den Filter meines Bewusstseins aufs Papier zu bekommen. Dennoch versuche ich, in die Stille hinein zu hören. Auch hier hilft ein Gedicht von mir an Dich: „Hörst Du die Stille? Denn in der Stille bin ich da. Weil ich Dich Liebe“. Im Nichts ist alles und alles ist Nichts. Oder wie die Alten Griechen sagen würden: Oben wie unten, unten wie oben. Oder mit Leibniz‘ Worten „um das Alles aus dem Nichts hervorzubringen genügt eine eins.“ Ich habe heute meinen philosophischen Tag, wie Du merkst.

So wie für einen Theater-Schauspieler die Bühne die „Bretter für die Welt“ bedeuten, bedeuten Bücher und das Schreiben die Welt für mich. Der leer blinkende Kursor ist die Bühne, das leere Blatt. Der Text ist die Rolle, das Leben das Schauspiel. Ob es dann eine komische Tragödie oder eine tragische Komödie wird, wird die Zeit zeigen. Die Zeit schreibt die Geschichte, Gott oder die höhere Kraft führt Regie und der Leser ist das Publikum. Eine Rolle wird gespielt, im stillen Kämmerlein und die Kritiker sitzen vor den Bildschirmen, anonym und meistens ganz still und leise. Der Smiley ist der Beifall und der Reply ist die Zugabe in diesem Spiel. Lange schon habe ich die Regie abgegeben. Es ist nicht gut, gleichzeitig Protagonist und Regisseur in seinem Drama zu sein.

Denn ein Drama wird hier gegeben, mit Lust, Liebe und Tod und Verzeihung und Auferstehung. Es wird an den Grundfesten der Existenz gehörig gerüttelt. Es wird gelitten und geliebt, betrogen und vergeben. Das Leben ist ein immer währendes Stück, bei jeder Aufführung einzigartig und nur selten vor großem Publikum gegeben. Das Leben ist ein Spiel. Ha, welch Erkenntnis (den bitteren Sarkasmus hier verstehst Du wohl).

Vielleicht sollte ich mich mal an einem Theater-Stück versuchen, mit viel innerem und äußerem Monolog. Wäre spannend, so etwas zu schreiben oder zu spielen.

Ich muss zum Abendessen. Und meine Tabletten nehmen. Mahlzeit!

Mittwoch. Gute Nachrichten, ich bin schon ganz aufgeregt. Nach der Therapie hier geht es für mich nahtlos weiter in einer Adaptionsgruppe, das heißt drei bis vier Monate lang weiter stationäre Klinik, allerdings mit Anbindung an den Arbeitsmarkt. Danach bin ich also im Frühjahr 2023 insgesamt neun bis zehn Monate lang in diversen Kliniken gewesen. Das zeigt, wie akut und wie schwer meine Krankheits-Situation ist. Ich bin aber sehr gespannt auf die neue Erfahrung. Gottseidank befindet sich die Klinik in der Nähe meines Wohnortes, so dass ich dringende Dinge erledigen kann. Das Gute an der Adaption ist die ärztliche Begleitung in der Zeit. Vom Gefühl her ist es das genau richtige für mich, denn immerhin bin ich zwei Jahre lang nicht auf dem Arbeitsmarkt gewesen und fühle und spüre, dass gerade eine sinnvolle Betätigung mir zur Zeit auch fehlt.

Hauptsache ist, dass es weiter geht – und ich nicht die Gefahr laufe, in mein altes, krank machendes Umfeld zurückfalle und dass es praktisch ohne weitere Wartezeiten geklappt hat. Das freut mich.

Donnerstag. Kein guter Tag heute. Ich spüre die Krankheiten deutlich. Mir ist schwindelig und ich mache mir Sorgen über Sorgen. Warum bist Du so krank geworden? Warum bist Du hier in dieser Klinik? Wo in deinem Leben bist Du falsch abgebogen? Marterfragen. Ich bin in einer bipolaren Mischphase, aufsteigend. Das heißt, ich will sowohl sofort alles machen, andererseits zieht die Depression in Grübeleien – und der innere Druck steigt. Nach außen hin ist nichts sichtbar, doch meine Seele kocht, und selbst kleinste Dinge wie ein Wäschewaschen kosten unendlich Überwindung.

Natürlich habe ich auf diese Fragen keine Antworten, ansonsten wäre ich nicht hier. Aber Tage wie dieser, wo mich ein Fußballspiel fasst aus der Fassung bringt, zeigen, wie fragil das gute Denken im Alltag noch ist. Ich sorge mich um Dinge, die weit in der Zukunft und weitestgehend außerhalb meiner Macht sind. Völlig unnötigerweise.

Ich habe beschlossen, das Rauchen aufzugeben. Aus gesundheitlichen wie finanziellen Gründen. Dabei helfen mir Pfefferminzbonbons, die mir allerdings die Zähne ruinieren. Ein toller Tausch. Nicht. Ich fühle mich wie ein Wrack, vom einstigen Stolz der Erscheinung, vom (in der Hochphase) alles Könnenden zum einsamen Grübler. Doch ich weiß mittlerweile auch, dass solche Tage eben zur Krankheit gehören, und dass ich das schlechte Denken auch unterbrechen kann. Unter anderem, indem ich diese Zeilen schreibe. Schreiben ist Therapie für mich. Sind die Denkprozesse einmal auf Papier oder in den PC getippt und geteilt, sind sie in der Welt und raus aus dem Kopf.

Ja, das Rauchen, mein ständiger Begleiter seit der Jugend, seit ich ungefähr zwölf Jahre alt war. Dann fünfzehn Jahre lang ohne (wie zum Beweis auch hier, dass es ohne besser geht) und seit ungefähr drei Jahren wieder eine Schachtel am Tag. Ich will weg vom Nikotin und Koffein. Denn das Gegenteil von Abhängigkeit ist Freiheit und mich nervt es zunehmend an dem blöden Glimmstängel zu hängen. Ich werde zunehmen, wenn ich aufhöre. Das ist der Preis der Freiheit. Außer ich reduziere mein Essen, denn das Nikotin schraubt den Energieverbrauch des Körpers hoch. Auch so genannte e-Zigaretten sind für mich keine Option, da hat man zwar Dampf statt Qualm und weniger Schadstoffe, doch der Suchtstoff, das Nikotin ist ja derselbe.

Auch hier verstehe ich verstandsmäßig die Mechanismen der Sucht. Ich weiß, was ich meinem Körper mit dem Rauchen antue. Und doch ist die Gewohnheit stärker als mein Wille bislang. Das muss sich ändern, Markus muss clean werden, um in den Stürmen des Lebens wieder einigermaßen stolz segeln zu können. Schließlich will ich nicht auch noch Krebs bekommen. Ich bin krank genug. Sagt’s und geht eine rauchen. Sic!

Ein Moment zum Einfangen. Beim Rauchen schupperte ich in die kühle Herbst-Brise hinein und roch, frisch geduscht, den Geruch des modernden Laubs. Ein Gefühl der Freiheit umgab mich, frei von den Lasten der Vergangenheit. Was war, war. Was kommt, kommt. Und was ist, ist. Für einen kurzen Augenblick wurde mir deutlich, dass ja nach diesem Neubeginn die ganze Welt mir offen steht, dass die Einschränkungen, die ich habe ja größtenteils mir selbst auferlegte sind. Ich fühlte mich einen kurzen Moment wie ein Zwölfjähriger im Schullandheim, der im Geheimen in der Ecke genüßlich aber hastig an der Zigarette zieht. Ein Gefühl, welches ich seit dreißig Jahren nicht mehr hatte. Ein Gefühl von Abenteuer und Gefangensein gleichzeitig. Seltsam, in diesem Alter noch (oder wieder?) solche Gefühle zu entwickeln. Ein Moment. Unser Leben ist eine Anreihung von Momenten. Und nur wenige sind es wert, eingefangen zu werden.

Ich esse schlecht, muss mich hier im Klinik-Takt zum essen zwingen. Mein Bauch meldet „Hunger“ und mein Kopf dagegen „Hungerstreik“. Ich habe keine Ahnung, woher das kommt. Also stelle ich mich in die Schlange und esse nur den halben Teller. Aber Freude macht das zurzeit nicht. Am liebsten würde ich das Essen ganz einstellen, fasten, und stundenlang vor mich hin meditieren. Bücher lesen, Texte schreiben. Nicht ein Gedicht habe ich in der ganzen Zeit, die ich hier bin hervorgebracht. So sehr war und bin ich mit mir selbst und der Annahme und Überwindung der Krankheit beschäftigt. Das ist schade, denn in den Gedichten werden die Emotionen des limbischen Systems komprimiert und konserviert. Wie ein Maler ein Bild vor seinem inneren Auge sieht, so höre(!) ich ein Gedicht. Es ist wichtiger wie es sich anhört wenn es aus den Tiefen des Universums durch mein Reptilienhirn in Emotion verpackt, in Sprache gehüllt, vom Verstand getippt oder geschrieben wird, bis es dann endlich das Licht der Welt und die Tiefen des Internets erblickt und dann irgendwann den umgekehrten Weg nimmt und im Auge des Betrachters sich durch dessen Verstand, in dessen limbisches System vorkämpft und dort Emotionen auslöst. Dann hat die emotionale Kommunikation über den Text funktioniert.

Das gesprochene Wort ist schneller am Ziel, nämlich bei den Emotionen, als das geschriebene. Deshalb finde ich die Podcasts, die ich mache auch so wichtig. Mit der Stimme verbindet sich ein Charakter, der Zuhörer macht sich ein konstruiertes Bild des Senders im Empfänger bereit, welches weg vom abstrakten, gesehenen Text die Nuancen des Sprechens beinhaltet. Beim Video geht dieser Teil, das Persönliche Einbilden verloren. Der Hörende schafft sich ein Bild vom Sprechenden. Der sehende sieht einfach nur. Deshalb ist bei jedem Film oder Video der Ton wichtiger als das Bild. Und die Soundtracks erinnern uns an eine Lovestory mehr als jedes Movieposter. Text hingegen muss auch noch durch den visuellen Lernapparat des Lesens hindurch, wodurch der Autor sich weiter vom Leser entfernt und noch weniger Bildsubstanz für das innere Auge des Betrachters liefert. Du bist ja ganz anders, als ich mir vorgestellt habe, habe ich auch schon von Leserinnen und Lesern oder Hörerinnen und Hörern gehört.

Genau das gefällt mir aber am Text: Die Leute müssen sich ein eigenes Bild vom Schreiber machen. Und das tut jeder auf seine individuelle Art und Weise. So kann sich der Leser seelisch für einen kurzen Moment mit dem Schreibenden verbinden, obwohl er oder sie ihn oder sie gar nicht persönlich kennt. Ein Gedicht kommt aus der Emotion (bei mir Leid oder Liebe meistens) und im besten Fall erzeugt es im Leser Emotionen wie Mitleid oder Gegenliebe.

Ein spannendes Experiment. Stelle Dir vor Du wärst wieder zwölfjährig und hättest die ganze Welt und Dein ganzes Leben vor Dir. Würdest Du alles machen wie bisher? Würdest Du mit dem Wissen eines 53-jährigen anders durchs Leben gehen? Ich denke schon. Ich würde vor allem auf die Entwicklung der Sucht besser achten, denn bewusst oder unbewusst hat sie mein halbes (immerhin im Vergleich zu anderen nicht ganzes) Leben dominiert. Ich bin damit aufgewachsen, durch Schule und Studium gegangen und habe ein Kind nicht nur in die Welt gesetzt, sondern auch großgezogen. Alles unter dem Diktum der Abhängigkeit, die allenfalls für Jahre ausgesetzt aber niemals komplett geheilt wurde. Weil meine Seele beschädigt war und ist. Ich bewundere Menschen, die frohen Mutes auch in schwierigen Zeiten durchs Leben gehen, seien die Umstände noch so widrig. Ich habe diese Gabe nicht, sondern neige zum Schwermut und zum überdramatisieren von Dingen. Als Kind wollte ich Wissenschaftler werden, der eine Pflanze entwickelt, die so schnell wächst, dass niemand auf der Welt mehr hungern muss. Das bin ich leider nicht geworden, sondern nur ein kleines Rädchen im System der Politik. Das Schöne am alten Job (nicht alles war schlecht), war die Freiheit zu denken und sein Denken als Input in das System zu bringen. Ich habe die Arbeit ja nicht als „Job“ gemacht, sondern dem höheren Zweck der Freiheit des Einzelnen dienend. Und ich habe diese Arbeit verdammt ernst genommen, wie der immer noch andauernde Trennungsschmerz ganz deutlich zeigt. Man wurde zumindest gehört, wenn oft aber nicht für voll genommen, obwohl sich meine Analysen und Prognosen oftmals bewahrheitet haben.

Nun läuft dieses gehört werden über meine Social Media Kanäle und diese Texte ab. Immerhin bin ich in der Lage, Texte zu produzieren und nicht nur zu konsumieren. Da klafft ein gewaltiger Unterschied zum Otto Normalverbraucher, der sich ununterbrochen mit Reizen des Systems ausgeliefert sieht, kaum mehr fähig, all die Eindrücke und Handlungsempfehlungen auch zu verarbeiten beziehungsweise zu befolgen. Auch hier bin ich der Meinung, weniger ist mehr. Qualitativ gute Informationen zu bekommen ist auch nicht ganz einfach in Zeiten des Netzrauschens. Man kommt mit dem Filtern gar nicht hinterher, so dass die Gefahr, sich Falschinformationen unter jubeln zu lassen, steigt.

Dies gilt nicht nur für Verbraucher von Informationen sondern auch für deren Produzenten. Am Beispiel des Ukraine-Krieges sehen wir, wie die Wahrheit verzerrt wird, von beiden Seiten gleichermaßen. Ein Krieg heutzutage wird in den Echo Chambers des Netzes genauso ausgefochten, wie mit Kanonen oder Raketen. Das nennt sich dann „Information Warfare“ und ich bin davon betroffen, wie alle anderen auch. Auch deshalb muss ich den Input an Informationen in mein System besonders sorgfältig prüfen. Eine viertel Stunde Tagesschau am Abend reicht da nicht.

Auch heute bin ich mit dem Bewusstsein aufgewacht, dass ich krank bin, in der Klinik, die mittlerweile mein zweites Zuhause geworden ist. Auch heute bin ich mir des beschränkten Lebensradius bewusst, den ich gerade habe, dass ich nicht einfach alles tun kann, was ich gerne täte. Dass die Krankheit eine echte Behinderung in meinem Leben darstellt und dass das auch in Zukunft so bleiben wird. Auch heute wieder heißt es, Therapie-Arbeit zu leisten, in der Gruppe wie einzeln sich immer und immer und immer wieder vor Augen führen, was man eigentlich hat und wie es zu behandeln ist. Auch heute wieder muss ich Medikamente nehmen, die mich von der Depression ein Stück weit wegbringen. Auch heute wieder muss ich achtsam sein in dem, was ich denke und tue, Heute ist ein Tag, ein neuer Tag, ein weiterer abstinenter Tag, ein Tag in Richtung gutes Leben.

Noch immer habe ich das Hunger-Essen-Problem. Ich habe zwar Hunger aber überhaupt keinen Appetit. Mein Geschmackssinn ist immer noch Corona-getrübt und das Essen fühlt sich oftmals an, als würde ich auf einem Stück Pappe kauen. Schade eigentlich, denn das Essen hier ist, wie schon berichtet, durchaus sehr gut. Heute ist Freitag und es gibt Fisch, wie jeden Freitag. Und am Samstag gibt es immer Suppe und am Sonntag immer Braten. Die leeren Kalorien der Marmeladebrötchen am Morgen lasse ich weg, dafür ist das Abendbuffet umso reichhaltiger. Ich habe weder zu- noch abgenommen in der Zeit hier, so dass die Ernährung schon passt. Schließlich sind die Ernährungspläne ja von professionellen Ernährungsberatern gemacht – und die Küche arbeitet toll. Auch das ist, wenn man so will, ein positives Zeichen in dieser Therapie.

Ich möchte noch etwas bei dem Gefühl bleiben, in dem Bewusstsein zu erwachen, dass man krank ist. Ich jammere hier auf hohem Niveau. Ja, ich habe eine schwere Krankheit, die mich lange Zeit an Kliniken bindet. Ja, diese Krankheit ist gefährlich und führt im Endstadium in den wenig schönen Tod. Diese Krankheit ist ernst und lebensbedrohend, rein körperlich wie vor allem seelisch. Meine Seele ist krank, mehr als mein Körper, und ich spüre das jeden Tag. Man kann die Krankheit stoppen, aber die Schäden an Körper, Geist und Seele sind nur teilweise reversibel, so dass Folge-Erkrankungen eher die Regel als die Ausnahme sind. Ich denke hier in erster Linie an das Herz aufgrund des immer noch relativ hohen Blutdrucks (trotz Medikation) und an die Lunge wegen des Rauchens und der COVID-19 Langzeitfolgen.

Es wird eine Heimfahrt werden, allerdings nicht in mein altes Zuhause, sondern in die nächste Einrichtung zum Training wieder arbeits-fit zu werden. Im Moment weiß ich nicht, ob ich meine alte Wohnung überhaupt so schnell wiedersehen werde. Spannende Zeiten.

Mitagessen.

Samstag Morgen. Juhuu, ein neuer Tag. Wieder Wochenende, gähnende Langeweile. Am Wochenende finden keine Therapien statt, so dass man sich die Zeit irgendwie füllen muss. Auch das Essen ist nicht so gut, am Samstag gibt es immer Eintopf. Ich habe Nachrichten im Internet gelesen, Energiekrise in Europa. Hausgemacht mit einer falschen Diktatoren-Appeasement-Politik der letzten Jahrzehnte. Aber mich tangiert das nur peripher, da ich ja in den geschlossenen Institutionen dieses Landes verweile. Anders als Millionen von Menschen, die echte Angst um ihre Heizung in diesem Kriegswinter haben. Neun Monate zieht sich der Konflikt nun schon hin – und ein Ende ist nicht absehbar. Die Politik reagiert zunehmend hektisch und weiß sich nur noch mit Alarm-Statements zu helfen. Das beruhigt die Bürger in keinster Weise, sondern trägt zur allgemeinen Verunsicherung mehr bei als es hilft. Das Vertrauen in die Standhaftigkeit unserer Demokratie ist auf ein Tief gesunken, doch echte Alternativen zum gegenwärtigen System sind auch nicht in Sicht.

Wenn es so weiter geht, wird Europa diesen Winter von einer Massen-Flucht aus der Ukraine betroffen sein, denn dort harren die Menschen im Winterwetter ohne Strom, Gas oder Heizung aus. Russland bombardiert gezielt die Energie-Infrastruktur des Landes, um so den Kampfeswillen der Ukrainer zu zerstören und eine Massenflucht auszulösen. Ich verstehe das alles nicht. Jeden Tag sterben Menschen auf beiden Seiten in einem völlig nutzlosen Krieg. Ich verstehe auch nicht, was die objektiven Ziele Russlands sind – die völlige Zerstörung der Infrastruktur, um so eine Massenflucht aus schlichtem Hunger zu erzeugen? Betroffen davon wären in erster Linie Polen und Deutschland. Schon jetzt haben wir eine Million Flüchtlinge aus der Ukraine aufgenommen. Mit der jetzigen Strategie Russlands werden es sicherlich noch ein Vielfaches mehr.

Im Vergleich zu diesen Menschen geht es mir relativ gut. Ich kann aber mit ihnen mitfühlen. Und dass der Konflikt uns alle betreffen wird, ist schon lange klar. Hier werden die Landkarten Europas neu gezeichnet. Auch wenn Russland keine schnellen Erfolge auf dem Schlachtfeld erzielen kann – stetig Wasser höhlt den Stein. Und ein Ende der Angriffe scheint nicht in Sicht. Es findet ein langwieriger Zermürbungskrieg statt, in dem die eine Seite die Luftangriffe nicht vollends abwehren kann (das Land ist riesig) und die andere Seite unfähig oder unwillig ist, kriegsentscheidende Maßnahmen zu ergreifen. So zieht sich der Konflikt über Monate und Jahre hin und die internationale Öffentlichkeit sieht sich an den Bildern von Zerstörung und Misshandlungen satt. Die Verwüstungen des Krieges sind zum Alltagsgeschäft der Nachrichtensender geworden. Es scheint fast, als ob man die ukrainische Zivilbevölkerung dem grausamen Aggressor opferte, um eine Eskalation des Krieges zu verhindern zu wollen. Dabei ist der Krieg schon lange eskaliert, doch wird er im 21. Jahrhundert eben anders geführt als früher. Dronen und Raketen auf zivile Einrichtungen anstatt große Feldheere, die aufeinander auf dem Schlachtfeld treffen.

Ich bin in diesem Konflikt vollkommen auf der Seite der Ukrainer. Was sie dort leisten, um den Aggressor zurückzuschlagen, ist bemerkenswert.

Selbst ich bin noch vom letzten großen Krieg in Europa beeinflusst. Alle meine Großeltern waren Opfer des Krieges. Mutterseits erlitten wir Annexionen von Heimat in Karelien (heute Russland) und in Schlesien (heute Polen). Auch in meiner Familie wurde noch viel über den Krieg erzählt, schließlich war meine Oma Flüchtling aus Schlesien und mein Großvater amerikanischer GI. In zweiter Generation sind wir Nachkriegskinder. So wirken Krieg und Vertreibung über Generationen hinweg in Gesellschaften hinein – und ich sehe nicht, wie das im Fall Russland gegen Ukraine anders sein soll. Selbst ein unwahrscheinliches Ende des Krieges wird Europa für Jahrzehnte wenn nicht gar Jahrhunderte prägen.

Denn – es ist schließlich ein Stellvertreterkrieg der da geführt wird, und die Akteure sind die selben wie so oft in der Geschichte. Die Bruchlinien der Geschichte liegen tausend Jahre zurück mit dem Aufstiegs der Kiewer Rus gegen das damalige Polen-Litauen. Auch heute noch lassen sich kulturelle Differenzen zwischen Ost und West ausmachen. Uralte Konflikte werden wieder hochgespült, angefeuert von einem radikalen Panslawismus – von der Idee, dass ein Volk über dem anderen steht, in der Angst, die Kontrolle über den Vielvölkerstaat, der die Russische Föderation ja ist, zu verlieren, wird ein falsches Nationalgefühl erzeugt und propagiert. Umso mehr wird auf der anderen Seite ein genauso verheerendes Nationalgefühl erzeugt, welches Hass und Gewalt als Lösung propagiert. Dabei ist eines klar: Die Ukraine kann nur im Bündnis mit dem Westen überleben. Es kommt auf den Westen – also uns an, wie nah an uns wir den russischen Aggressor kommen lassen. Es ist eine Illusion anzunehmen, dass Russland seinen Beutezug nicht noch weiter ausbreitet, wenn die Ukraine erstmal zerstört und teilweise zumindest an Russland annektiert wird.

Diejenigen, die diesen Krieg betreiben, denken im Großen. Für sie ist der Krieg eine Frage der Macht, ja da wird von einer multipolaren Weltordnung unter russischer Führung geträumt, von einer Wiederherstellung des „glorreichen“ (was es ja nie war, man lese Dostojewski und Tolstoi) Zarenreichs, mit einer neuen Aristokratie des Geldes und einem Sonnenkönig an der Spitze. Nichts könnte unwahrer sein als das. In vielen Teilen ist Russland heute immer noch ein Zweite-Welt-Land, welches in Wohlstand und Wirtschaftskraft kaum mit den Europäern oder gar mit den Amerikanern mithalten kann. So benutzt man rohe Gewalt, um seine strategischen Ziele durchzusetzen; mit den verabscheuten Mitteln des 20. Jahrhunderts versucht man, eine sich genehme Weltordnung herzubomben. Dass dabei tausende Menschen sterben, ist den Führern im Kreml herzlich egal, egal auch ob die Verluste bei den eigenen Truppen auftreten.

Ich sollte nicht zu viele von diesen Nachrichten lesen. Sie machen in mir ein schlechtes Gefühl und ändern an der Sache kann ich eh nichts. Dazu haben wir unsere gewählten Vertreter, in deren Haut ich gerade jetzt nicht stecken wollte. Hut ab vor den Menschen, die aus einem kleinen Wahlkreis aufkommend jetzt plötzlich Entscheidungen, nicht nur von Milliarden von Euro, sondern auch noch von Krieg und Frieden in der Welt treffen müssen.

Selten war die Welt so nahe dran am Dritten Weltkrieg wie heute. Selten war die Gefahr eines „nuklearen Unfalls“ so prävalent. Selten habe ich so viel Hilfslosigkeit in Staatsorganen erlebt. Und selten so viel Willen, die Sache, irgendwie, noch zum Guten zu wenden.

Nicht nur ich brauche eine Therapie, nicht nur ich bin krank. Es scheint die ganze Welt ein Virus der Dummheit und Machtversessenheit befallen zu haben. Nur leider gibt es für diese Art von Erkrankung keine Kliniken und keine Besserungsanstalten, mal abgesehen vom Internationalen Gerichtshof in Den Haag. Doch ob man die Schuldigen jemals zur Rechenschaft ihrer Taten ziehen wird, ist eher unwahrscheinlich. Ich halte die Lösung eines „frozen conflicts“, also eines eingefrorenen Konflikts am wahrscheinlichsten. Beispiele hierfür sehen wir auf Zypern, in Georgien, Transnistrien oder im Nahen Osten, wo Konflikte ungelöst seit Jahrzehnten weiter vor sich hinflackern, ohne dass es endgültige Friedensverhandlungen gibt.

Es kann also durchaus passieren, dass der Ukraine-Krieg einfach zum Stillstand kommt und die de facto Lage als Provisorium und ungelöster Konflikt über Jahrzehnte stehen bleibt. Nun hat der neue Krieg allerdings ein anderes Ausmaß als die anderen ungelösten Konflikte in der Welt. So kann er wie der rote Fleck auf dem Jupiter als Sturm in der Weltordnung für Jahrzehnte toben.

So viel zu den Gedanken über die Außenpolitik. Mir fehlt der politische Stammtisch, die akademische Diskussion. Über zwanzig Jahre Politik gehen an einem nicht ohne Wirkungen vorbei. Ich werde mich auf in Zukunft politisch betätigen, nur weiß ich noch nicht, wie. Vielleicht als Teilnehmer an einem Think-Tank oder diversen Online-Foren zum Thema. Auch wenn mein Einfluss in der Politik ein eher geringer war, war er zumindest da. Das habe ich geliebt an meinem Job, das freie Denken.

Freies Denken trifft man eher selten an, damals wie heute. Ich erlebe ein politisches System, welches sich weitgehend von innen selbst befeuert anstatt auf die Impulse aus der Bevölkerung einzugehen. Dies führt dann zu Feedback-Schleifen, die Diskussion verselbständigt sich und driftet ins Parteipolitische Klein-Klein ab. Ich warte darauf, dass sich, wie z.B. in Frankreich eine Bewegung aus dem Volk herausbildet, welche sich nicht mehr an den traditionellen Parteigrenzen abgrenzt, welche unabhängig und frei Thesen für eine neue Republik formuliert. Die Franzosen haben da mehr Erfahrungen. Sie scheuen sich auch nicht, ein komplettes Regierungssystem umzuwerfen, falls es in ihren Augen nichts mehr taugt. Nicht so in Deutschland. Hier wird träge ausgesessen, neue Bewegungen werden misstrauisch beäugt und bei Wahlen nicht honoriert. So entsteht im Land ein Reformations-Stau, ein Filz, der am Ende den ganzen Staatsapparat lahm legt (siehe die gescheiterte Wahl in Berlin, die jetzt mühselig wiederholt werden muss). Wobei sich in den Umfragen kaum eine Verschiebung der Machtverhältnisse andeutet und wohl alles beim Alten bleiben. So kommt Deutschland im Vergleich zu anderen Nationen nur schwer in die Gänge, träge wie ein Tanker dümpelt es dahin, während andere im schnelleren Beiboot voraus fahren.

Was bräuchte eine solche Bewegung aus dem Volk? Zunächst mal eine Galionsfigur, hinter der man sich versammeln könnte. Unabhängig müsste sie sein, nicht geschliffen durch das politische System. Strikt dem 21. Jahrhundert verschrieben, ich denke da an jemanden um die vierzig. Eine charismatische Führungsfigur, der die modernen Wege der Vernetzung an der Basis auch verstanden hat. Kein Populist aber populär. Egal, ob Mann oder Frau. Jemand, der den Mut hätte, das Establishment herauszufordern. Jemand, der den Blickwinkel des „kleinen Mannes“ hat und dessen Lebenserfahrung verschiedene Standpunkte in sich vereinen kann. Jemand, der gut mit Medien kann oder aus den Medien kommt.

Politik kann Spaß machen, und diese Person müsste den Spaß an der Politik verkörpern und den Menschen im Land das Gefühl geben, dass sich etwas tatsächlich ändern lässt, und sei es nur mit der eigenen Stimme. Auch vor großen Reformen sollte man nicht zurückschrecken. Zu viel an Macht und Kapital hat sich in den letzten Jahren hinter den Türen der Parteizentralen versammelt, zu viel Inzucht hat das System praktiziert. Natürlich besteht in solchen Bewegungen auch ein Risiko – das Risiko des radikalen Spinners, wie es die USA gerade vor mach(t)en. Das wollen wir mit Sicherheit nicht. Aber es ist schon auffällig, wie andere Staaten, vor allem die europäischen, sich eine neue Generation von politischen Führern wählen, während bei uns höchstens Stagnation herrscht.

Ich möchte noch einmal sagen, wie ausdrücklich glücklich ich bin, und dankbar, dass ich in einem Land lebe, in dem ich all das frei sagen kann, in dem ich frei konstruktiv kritisieren kann, ohne dafür fünfzehn Jahre Haft fürchten zu müssen. Ich bin froh, in einem Land zu leben, welches sich auch um die Gefallenen in der Gesellschaft kümmert, in dem niemand hungern muss oder im kalten Winter erfrieren. Dieses Land gibt mir sehr viel, so dass ich jetzt in einer Bringschuld bin diesem Land gegenüber, in dem es funktionierende Sozialsysteme gibt.

Diese Episode in meinem Leben schärft definitiv den Blickwinkel zum Rand der Gesellschaft hin. Dazu möchte ich meinen Teil beitragen, wo ich nur kann.

* Alte Seele ist ein fiktives Konstrukt, meine imaginäre Freundin, an die ich meine Briefe und Gedichte richte

In Therapie, Teil 2

Es ist tröstlich zu verstehen, dass ich die Macht über mein Leben zurück habe – und es eben nicht die Krankheit entscheiden lasse, wann und wie es mit mir zu Ende geht. Man soll der höheren Kraft nicht ins Schicksals-Handwerk pfuschen. Auch wenn es einfach erscheint, dem sinnlosen Leiden ein Ende bereiten zu wollen, sich selbst quasi den Gnadenschuss geben (siehe Hemingway), ist es letztendlich wider das eigene Schicksal. Das ist so nicht vorherbestimmt und wir sollten die Zeit, die uns hier auf dieser Erde bleibt, konstruktiv nutzen, auch wenn es manchmal schwierig oder gar sinnlos erscheint. Das Leben ist ein Geschenk – und wir sollten es als solches auch lernen anzunehmen.

Niemand wird dich so verletzen, wie du es dir selbst angetan hast, Markus. Es wird nie wieder so schlimm, wie es war. Es liegt in deiner Hand.

Die Reflektion am eigenen Tod verändert natürlich die Sicht auf alles. Geld, materieller Wohlstand (was nützt mir der, wenn meine Seele krank ist?). Beziehungen, auch vergangene, werden mit neuem Maß gemessen und neu bewertet (gottseidank habe ich meine Tochter), selbst das Spirituelle und Religiöse erfahren eine Neubewertung. Der Nah-Tod rüttelt kräftig an allem, an jeder Vorstellung, an der Meinung dessen, was denn ein lebenswertes Leben ist, was erstrebenswert, was unnötig und unnütz (was ziemlich vieles ist).

Ich kann mir eine Rückkehr in eine Tätigkeit, in der nicht diese existenziellen Fragen eine Rolle spielen kaum vorstellen. Der Nah-Tod tauscht auch hier Ideale und Bestrebungen aus. Ich sehe die Dinge mittlerweile in anderem Licht – und auch in meiner privaten Kommunikation erlebe ich ein starkes Bedürfnis nach spiritueller Tiefe und Neuem.

Gerade einen Vortrag zu den gesundheitlichen Folgen des Rauchens gehört. Ich muss echt aufhören und kann glücklich sein, dass mein Körper die langen Jahre des Qualmens noch so gut weg gesteckt hat. Es ist schon Wahnsinn, was wir da unserem Körper antun mit den ungesunden Lebensweisen. Es sei niemandem zum Nachahmen empfohlen. Doch auch hier ist es wie mit dem Alkohol – es ist nie zu spät, um aufzuhören. Und was mich gerettet hat waren eben die fünfzehn Jahre Abstinenz, von allen Drogen. Diese Zeit wirkt stark und langfristig nach, und es ist an der Zeit, an diese Lebensart wieder anzuknüpfen.

Das abstinente Leben ist ein anderes als das Leben mit Suchtmitteln. Ich rauche primär zur Gewichtskontrolle, seit dem ich wieder angefangen habe, habe ich über 20kg an Gewicht verloren. Das, neben der gesteigerten Konzentrationsfähigkeit sind für mich die Hauptgründe, weiter zu rauchen – obwohl mir die gesundheitlichen Schäden, die daraus entstehen (geschätzte 30 Milliarden Euro gibt der Staat im Jahr für Rauchfolgeschäden aus, bei 150.000 Todesfällen und einer zehn Jahre verkürzten Lebenserwartung bei lebenslangen Rauchern) durchaus bewusst sind. Rauchen ist Selbstmord auf Raten, genau so wie das Trinken auch.

Noch also habe ich riesige Baustellen in meinem Suchtverhalten, doch eins nach dem anderen gehe ich die Problematik an. Überstürzen sollte man auch hier nichts – die Behandlung der Sucht benötigt Zeit. Wie beim Alkohol auch lassen sich alte Gewohnheiten nur sehr schwer brechen. Aber ich will da wieder hin. Zum cleanen Leben, zum guten Leben zurückkehren, welches ich ja zeitweilig trotz schwierigen Ausgangsbedingungen durchaus hatte.

Ich bin nun fast vier Monate weg vom Alkohol und es fühlt sich mittlerweile „normal“ an, nicht zu trinken. Auch das nenne ich einen vorläufigen Therapieerfolg. Es geht auch ohne, nein, ohne geht es erst recht! Das musste ich feststellen, nach dem ich auch heute wieder einer Lebenslinie eines Mitpatienten folgen durfte, die weit tragischer als meine eigene verlaufen ist. Je mehr ich von diesen Lebenslinien höre, umso mehr wächst in mir der Respekt vor den Menschen, die diese Lebensläufe haben durchleben müssen. So wie ich Respekt in der Gruppe für meine eigene Lebenslinie erfahren durfte, so gebe ich nun diesen Respekt auch in die Gruppe zurück.

Diese krummen Lebensläufe machen einen sehr nachdenklich, zumal man ja selbst mitfühlen kann. Irgendwie sind wir alle Wracks, Geschädigte, innerlich wie manche auch äußerlich kaputt und haben es irgendwie in das Rettungsboot der Suchtklinik geschafft. Auch hier bestätigt sich wieder einmal: Von außen betrachtet gibt es unter uns Patienten, denen man niemals es ansehen würde, was sie durchleben mussten. Schwere Schicksalsschläge sind da verkraftet worden, bei manchen schon sehr früh in der Kindheit, so dass man sich manchmal wundert, wie diese Menschen es überhaupt so weit gebracht haben und jetzt an einem Punkt angekommen, wo sie, trotz dieser Schicksalsschläge wieder aufstehen wollen, wieder Teil der Gemeinschaft werden, sich wieder neu aufstellen und zu erfinden, obwohl das drohende Damokles-Schwert der Krankheit über uns allen lastet wie die scharfe blitzende Klinge einer Guillotine über dem Kopf eines zum Tode verurteilten hängt. So gesehen vereint uns die Nähe zum Tod, weil bei einigen von uns tatsächlich die letzte Chance gekommen ist, nochmals in das Leben zurück zu finden. Die Alternativen sind grausam und schmerzhaft zugleich.

Gottseidank leben wir in einer Gesellschaft, die sich auch um Menschen mit Narben in der Seele und bei vielen auch am Körper kümmert und immer wieder bin ich erstaunt, was man auch diesen „Abschaum“ der Gesellschaft noch an Lebenswillen und Tatendrang hervorbringen kann, wenn nur das Suchtmittel weggelassen wird. Es ist verblüffend, welche Wandlungen hier so mancher in nur ein paar Wochen durch geht. Einige von uns kommen sprichwörtlich von der Straße, haben so gut wie alles verloren und trotzdem bringen sie den Mut auf, in der Therapie sich nochmals auf die Beine zu stellen. Andere brechen ab – und gehen auf dem Zwischenhoch (Ich nenne es „drinker’s high“) zurück in ihre alten Konstellationen. Bei denen sind die Erfolgsaussichten glaube ich relativ gering, denn die Krankheit lässt sich in ein paar Wochen nicht weg therapieren. Ganz weg geht sie eh nicht mehr, wenn man sie einmal hat, aber sie lässt sich aufhalten, bevor der endgültige Zerfall dann letztendlich zum Tode führt. Wir haben eine oder mehrere chronische Erkrankungen, die am Ende das Sterben bedeuten. So ist die Lebenserwartung eines männlichen Alkoholikers der raucht um sagenhafte 23 Jahre verkürzt!

Dazu habe ich eine eindrucksvolle Grafik einer Langzeitstudie gesehen, etwa die Hälfte der Patienten lebte nach einer Therapie abstinent und wies eine normale Lebenserwartung auf, etwa 20% trank weiter und der Rest war rückfällig und zum Ende der Langzeitstudie tot. Was passiert also mit Leuten, die nach einer stationären Therapie weiter trinken? Sie sterben einfach weg! Das ist eine Tatsache, die sich in meine Seele gebrannt hat, insbesondere wenn man an die hohe Zahl von Risikotrinkern nicht nur in diesem Lande, sondern weltweit denkt.

In der alternden Gesellschaft tickt eine riesige Sucht-Bombe. Viele ältere Menschen trinken vermehrt nach dem Eintritt in den Ruhestand. Bei ihnen zeigen sich aufgrund des Alters die Folgen eines Risikokonsums deutlich schneller als bei den ganz jungen Konsumenten. Weder die Gesellschaft als Ganzes, noch die Kliniken an sich sind auf diese Schwemme von Alterstrinkern gut vorbereitet. Noch läuft die Rehabilitation über die Wiedereingliederung auf den Arbeitsmarkt. Doch auch hier in der Klinik ist der Anteil der sich im Ruhestand befindlichen Patienten hoch. Die muss man nirgends mehr eingliedern, bei ihnen versagt also der Rehabilitations-Ansatz völlig.

Das sieht bei uns Dreißig- bis Fünfzigjährigen noch anders aus. Wir haben, wenn wir gesund bleiben, noch zwanzig Jahre oder mehr auf dem Arbeitsmarkt. Für uns „lohnt“ sich die Reha auch gesamtwirtschaftlich, denn der Ausfall eines sagen wir mal 40-Jährigen für immer zieht wahnsinnige soziale Folgekosten hinter sich.

Ich für meinen Teil hoffe, dass mein Ausflug in die Sozialsysteme ein eher kurzer bleibt. Die Ergebnisse der Arbeitstherapie lassen hoffen, und auch menschlich glaube ich, dass eine Wiedereingliederung in einigermaßen stabile Verhältnisse durchaus gelingen wird.

Ich habe etwas Heimweh entwickelt und kann es gar nicht erwarten, wieder stabil genug zu werden, um die Herausforderungen des Lebens auch selbständig meistern zu können, mit professioneller Hilfe, versteht sich. Ich hoffe nicht, dass meine psychischen Störungen noch längere Klinikaufenthalte notwendig machen. Aber selbst wenn es medizinisch notwendig wäre, wäre da immer noch eine ganze Stange an Lebenszeit übrig, die es zu füllen gibt. Dagegen sind die vier Monate hier geradezu ein Klacks.

Heutzutage ist man mit 50 noch nicht alt. Und in Zukunft wird sich unsere Gesellschaft auch immer mehr auf die großen alternden Jahrgänge einstellen müssen. Ich sehe mit auch nicht zu alt für einen beruflichen Neubeginn und bin gerne bereit, noch einmal die Schulbank zu drücken, um wider Zugang zum Arbeitsmarkt zu finden, was angesichts des Fachkräftemangels, der ja in den nächsten Jahrzehnten mit der Verrentung der großen Jahrgänge noch extrem zunehmen wird. Allerdings sehe ich mich nicht mehr in einem hochkompetitiven Umfeld tätig, sondern eher im sozialen Bereich. Auch hier fehlen Kräfte in ganz Europa in den nächsten Jahren und Jahrzehnten so dass ich da gute Chancen sehe, meine Erfahrungen und Talente gewinnbringend auch einzusetzen. „The show ain’t over until the fat lady sings“, lautet ein Spruch aus der Show-Branche. Und auch meine Vorstellung ist noch nicht vorbei. Sie läuft nur etwas anders ab als ich jemals gedacht hatte.

Zu schnell ging es bei mir abwärts und das Schlimmste konnte nur in letzter Minute verhindert werden, deshalb auch die Akut-Aufnahme in diesem Etablissement, worüber ich im Nachhinen nur sehr froh sein kann, denn mit jetzigem Wissensstand wäre es mir unmöglich gewesen ohne diese Therapie der Krankheit Herr zu werden. Keine Chance. Zu tief haben sich die schlechten Gewohnheiten manifestiert, zu sehr war ich damit beschäftigt, mich umzubringen, mal auf Raten mit der Sucht, mal plötzlich aus dem Nichts im Affekt. Es ist diese Übersprungshandlung, vor der ich Angst habe, weil ich sie selbst nicht verstehe. Im Gegensatz zur Sucht, wo das Wissen um die Erkrankung schon seit der ersten Diagnose vor über 20 Jahren da ist, ist mein Wissen über die neue alte Krankheit sehr beschränkt.

Das Gefühl ist, ins kalte Wasser geworfen zu werden, plötzlich konfrontiert mit der Diagnose einer manifesten Störung, die man weder verschuldet noch absichtlich herbei geführt hat. Und die mich begleiten wird, lebenslang in der einen oder anderen Form. Ich muss lernen, sie anzunehmen, mit ihr zu leben, den ärztlichen Rat befolgen und gegebenenfalls mehrere Klinikaufenthalte hinnehmen. Bevor ich wieder zum Messer greife, lasse ich mich lieber einliefern. So „einfach“ ist das. Sic. Ich muss mir das immer wieder vergegenwärtigen: So schlimm, wie es war wird es nie wieder, es sei denn du fängst wieder an. Diesen Merksatz brenne ich mir ins Gehirn, um dann damit gewappnet zu sein, wenn der Moment der Schwäche wieder kommt.

Mittwoch. Seltsamer Tag heute. Ich mache zwar alle Therapien mit, aber richtig bei der Sache bin ich nicht. Meine Gedanken kreisen um die Heimfahrt und das Leben danach. Ich habe so etwas wie einen „trockenen Rückfall“ und denke daran, wie ich wieder in meine alten Gewohnheiten in meiner alten Umgebung zurückfalle, in meine heimliche Bubble des einsamen sterbenden Alkoholikers. Dabei liegt mir nichts weiter fern! Ich will diese Abstinenz behalten und das Leben danach eben als gutes Leben gestalten. Ich will leben und nicht vom Alkohol gelebt werden. Die letzten Eskapaden haben mir ja gezeigt, was passiert, wenn ich Dinge nicht ändere, im Äußerlichen wie im Inneren. Die wieder aufziehenden Trink-Gedanken zeigen mir aber, dass die Krankheit längst nicht überwunden ist. Da helfen auch ein paar Monate Therapie nur bedingt.

Nur, wenn ich heute mit den Gedanken woanders bin, wo denn? Ich weiß es doch selbst nicht. Die letzten Tage habe ich viel über die Sinnlosigkeit meiner Affekt-Handlung nachgedacht. Über das Sein und Nicht-Sein. Ich fühle mich vollkommen nutzlos (auch dies ein Signal des limbischen Systems an die Großhirnrinde), eine Emotion die oftmals in einen depressiven Schub mündete. Nur bin ich diesmal besser gewappnet, habe Tools und Skills mich der Krankheit zu stellen. Ich hoffe nur, dass diese Tools und Skills so tief verankert werden, dass sie den Test der Zeit auch bestehen. Es ist Klinik-Alltag, Leute kommen und gehen. Nun haben wir in der Gruppe einen Mitpatienten, der ähnliche Störungen hat, ein Leidensgenosse sozusagen – und damit stehe ich mit meiner Bipolarität und meiner Angststörung in der Gruppe nicht mehr alleine da, was durchaus von Vorteil sein kann. Mal sehen, wie sich dieser Kontakt entwickelt. Die Medikamente stehen manchem in Weg. So leide ich an Schwindel und zeitweiliger Apathie. Sie tun also genau das, was sie auch sollen – mich herunterbringen vom Gedankenkarussell, die Phasen der übermäßigen Steigerung abmildern und so einen Puffer der emotionalen Ausschläge nach oben und unten bilden. Nur bemerke ich dadurch eine Wesensveränderung und fühle mich zeitweilig nicht mehr wie ich selbst, sondern eine andere, neue Person, die niemals all die Dinge tun würde, die der Markus, den ich kannte getan hat. Aber das ist vielleicht auch ganz gut so.

Ganz wohl fühle ich mich als Sozialfall nicht. Es ist für mich ungewohnt, von anderen abhängig zu sein, Ärzte, Therapeuten, Mitpatienten. Ich bin es gewohnt, für mich alleine zu kämpfen, bloß das geht eben jetzt gerade nicht mehr. Aber der Impuls gegen den Rest der Welt anschwimmen zu wollen, ist in mir immer noch vorhanden.

Eine dreiviertel Stunde bis zum Abendessen. In einer Therapiesitzung haben wir einen „trockenen Rückfall“ geübt, das heißt, ich sollte mir vorstellen, wie so ein „idealer“ Rückfall ablaufen würde – und ich endete bei der Flasche Rotwein vor dem Computer beim Schreiben von Liebesgedichten. Schritt für Schritt haben wir den imaginären Rückfall durchgesprochen, von der Beschaffung (hier ein beiläufiges mitnehmen einer Flasche Wein), über die Annäherung (hier ein Betrachten im Kühlschrank) über den Akt des ersten Konsums (hier ein Ausspucken) bis hin zum Vollzug (hier das Trinken der ganzen Flasche). Dabei haben wir uns Interventionsschritte bei jedem dieser Punkte überlegt und welche menschlichen Grundbedürfnisse dabei berührt werden und wie (die da sind: 1. Bindung, 2. Kontrolle, 3, Selbstwert und 4. Lust). Das paradoxe Ergebnis dieser (im wahrsten Sinne des Wortes) „Trockenübung“ war festzustellen, das der Alkohol jedes dieser Grundbedürfnisse auf lange Sicht zerstört. Die wohltuende, anregende Wirkung dauert nur ein paar Stunden, die negativen Folgeschäden trägt man ein Leben lang. Es ist paradox, mit dem Konsum genau das zu zerstören, was man mit dem Konsum eigentlich erreichen wollte.

Diese Erkenntnis traf mich hart. Es war auch das erste mal (ich bin jetzt 11 Wochen hier), dass ich so klar umrissen einen Rückfall beschreiben konnte, ohne ihn tatsächlich auszuleben, dazu gäbe es auch hier Gelegenheiten genug. Aber nein, mein Stammhirn regiert jetzt über das limbische System und wir suchen nach Methoden, die emotionale Steuerung des Unterbewussten durch gezielte Aktionen im Bewussten zu beeinflussen.

Dass das funktionieren kann, habe ich während meiner 15-jährigen Trockenphase ja schon einmal gezeigt. Der Alkohol kann mir zwar eine Abkürzung in einen emotional hoch angeregten Zustand ermöglichen (viele meiner Gedichte und Stories sind so entstanden, die besten Parties wurden so durchgetanzt) aber es geht auch ohne! Es ist zwar schwieriger und aufwendiger den Zustand des hoch emotionalen Fühlens zu erreichen. Wenn man es aber schafft, sind die Ergebnisse nachhaltiger und besser als mit der Substanz, die zwar ein kurzfristiges High erschafft aber ansonsten über den Kontrollverlust den Rest an Lebenswillen zerstört.

Um es noch einmal an den vier Grundbedürfnissen zu erörtern:

  1. Bindung (an andere Menschen) wird ersetzt durch die „Wärme“ des Stoffs
  2. Kontrolle über das eigene Leben (Verantwortung) wird abgegeben
  3. Selbstwert wird im Entzug vernichtet
  4. Lust weicht Unlustvermeidung durch den Konsum

Der Abhängige tut etwas, um ein Ziel (in dem Fall Sorglosigkeit und Liebe zu erfahren) zu erreichen – und erreicht im fortgeschrittenen Stadium der Krankheit das genaue Gegenteil! Verrückt, oder?

Aus diesem Teufelskreis auszubrechen ist denkbar einfach gesagt. Lass das Suchtmittel weg! Ich kann mir keine Situation ohne so schlimm vorstellen, wie die schlimmsten Situationen mit

Markus, es ist vorbei, das Trauma kommt nicht wieder hämmert es in meinem Kopf. „Wirklich?“, fragt die innere Stimme, die das kaum glauben mag und immer auf der Suche nach neuen traumatischen Erlebnissen das Unbewusste körperliche System in Alarmbereitschaft hält.

Ja, das sind die Gedankengänge eines Genesenden, der mitten im Prozess der Heilung steckt. Mir ist bewusst, dass im Augenblick diese Gedanken sehr dominant sind – und mit der Zeit im wahren, wirklichen Leben ein anderes Gleichgewicht wieder einstellen wird. Ich weiß genauso gut, dass ich die menschlichen Grundbedürfnisse mit anderen Strukturen besser befriedigen kann, so dass die Kontingenz auch gewahrt bleibt. Diese Methoden gilt es zu finden, zu üben und zu praktizieren. Die Medikamente helfen mir dabei.

Apropos Medikamente. Sie machen etwas müde und schwindelig, was den Alltag deutlich erschwert. Am liebsten würde ich sie absetzen, aber das ist zum gegenwärtigen Zeitpunkt eher illusorisch. Also kämpfe ich mich Tag für Tag durch den Schwindel und den unsicheren Gang. Immerzu muss ich mich beim Treppen steigen festhalten und mich beim Gehen Schritt für Schritt achtsam neu orientieren. Das ist noch ein ganzes Stück von meiner alten Kondition entfernt, an Sport ist mit dieser Konstitution erst gar nicht zu denken. Das finde ich schade, denn das Wetter, sonnig und kühl, lädt geradezu zum Fahrradfahren ein. Aber es geht halt im Augenblick noch nicht.

Nochmals den ganzen Tag Arbeitstherapie. Ich habe alle Aufgaben in der Hälfte der Zeit gelöst! So dass ich jetzt nur noch am korrigieren und Aufhübschen bin. Es tut gut, wieder etwas Praxis in Word und Excel zu bekommen. Schließlich bin ich seit zwei Jahren raus aus dem Geschäft und privat nutze ich Open Source-Software für meine Tagebücher und Podcasts. Podcasts werde ich erst wieder machen, wenn ich Zuhause bin, sei nun der alte Rechner hier in der Klinik mein einziges Sprachrohr neben den Social Media Accounts, die ich ab und an auch noch pflege, allerdings nicht so häufig wie üblicherweise. Es ist für mich einfacher, die Beiträge zu sprechen als sie mühselig im Zwei-Finger-System einzutippen. Aber dafür brauche ich die Ruhe meiner Wohnung.

Freitag Nachmittag. Ein Tag voller Gruppen- und Kunsttherapie und noch ein Malkurs oben drauf. Ich habe gut zu tun hier. Die Zeit vergeht wie im Fluge, das Ende der Therapie kommt langsam in Sicht. Ich habe hier eine verzerrte Wahrnehmung der Zeit. Die Wochen rennen in einem irren Tempo dahin. Ich weiß gar nicht, wo die ganze Zeit bleibt, wenn nicht beim Schreiben. So aufwendig ist die Beschäftigung mit sich selbst.

Antwort aus Stuttgart. Traumabewältigung sollte im Vordergrund meiner weiteren Behandlung stehen, also vorerst wohl keine Adaption in den Arbeitsmarkt. Das sehe ich ähnlich, zeitlicher Horizont hier liegt bei sechs bis neun Monaten. Traumabehandlung heißt weitere Psychiatrie, wahrscheinlich in Ambulanter Form von zuhause aus. Damit bin ich einverstanden. Obwohl die Krankheit in den letzten zwei Wochen nicht mehr da war, von ein paar milden Schwindelattacken abgesehen, schlummert sie weiter im Unterbewussten. Ich bin gespannt darauf, wie das Gesundheitssystem mit einem therapierten Patienten weiter umgeht. Aber eines ist klar, ich werde zum regulären Termin diese Klinik verlassen und die Weihnachtszeit wohl in Stuttgart überbrücken. Es steht die ambulante Nachsorge an, so wie das Finden einer passenden Selbsthilfegruppe. Damit habe ich es ja schon mal fünfzehn Jahre lang geschafft.

Der Weg zum neuen Markus ist nicht einfach. Es ist ein Prozess, den ich seit zwei Jahren gehe. Meine Beziehungen zu Tochter, Vater und Mutter sind geklärt. Die alte Arbeit ist zurück gelassen, das Trinken und den Drogenkonsum habe ich eingestellt, ein metaphysisches, religiöses Daseins-Motiv habe ich gefunden. Noch hängen ein paar Dinge nach – aber im großen und ganzen habe ich mein altes Leben weitestgehend abgeschlossen. Dieser Bruch hat tiefe Wunden sowohl in meinen Körper wie auch in meine Seele gerissen. Jetzt sind diese Wunden zwar oberflächlich verheilt, aber die Narben schmerzen weiterhin. Es wird Jahre dauern, diesen Schmerz zu überwinden, vielleicht gelingt es nie ganz. Zumindest ohne Medikamente nicht.

Das alles muss ich in Betracht ziehen bei der Gestaltung des neuen Lebens. Gar nicht mal so sehr am äußerlichen Bild, sondern in der inneren Einstellung muss gearbeitet werden. Genügsamer muss ich werden, meine Behinderungen mir selbst eingestehen. Mich selbst ertragen lernen. Dankbar sein für die Momente, in denen die Krankheit nicht da ist. Und aktiv dagegen angehen, sollte ein Schub wieder einmal auftreten.

Ich habe viel nachgedacht über den Wert eines Menschenlebens. Welche Strukturen wir in unserer Gesellschaft gebaut haben, um die Würde des Einzelnen zu schützen. Je mehr ich diese Strukturen kennen lerne, umso mehr lerne ich sie auch schätzen. Im Vergleich mit anderen Staaten stehen wir diesbezüglich gut da, nur wenige Länder tun mehr im Gesundheitssystem als wir. Die Nordeuropäischen Staaten, Skandinavien und Finnland, aber auch Kanada gelten hier als beispielhaft. Aber eines ist ganz klar. Nur in entwickelten westlichen Demokratien haben Menschen mit Erkrankungen wie ich sie habe eine realistische Chance auf Heilung. In vielen Teilen der Welt wäre das gänzlich unmöglich und meine Existenz wäre schon lange nicht mehr.

Ich möchte Dir, liebe Alte Seele vom Alleinsein berichten. Im Kontrast zur Einsamkeit bin ich gerne alleine. Heute geht es mir ausnahmsweise gut. Erst jetzt durch die Abwesenheit der Krankheit verstehe ich, wie gut es tut gesund zu sein. Erst jetzt verstehe ich, wie krank ich eigentlich war. Selbst bei Ankunft hier in der Klinik – kein Vergleich zu dem Menschen, der ich hier werde. Erst jetzt verstehe ich, in welche Tiefen die Krankheiten mich geworfen haben – selbst damals, als nach außen hin so gut wie nichts sichtbar war. Erst jetzt, nach elf Wochen erkenne ich, wie unten ich damals war.

Ganz langsam erst kehrt der Lebenswille zurück, erst langsam baue ich eine Schutzmauer um mein gebrechliches Ich. Erst hier im Klinik-Kokon kann ich mich auf das konzentrieren was kommt und nicht das was ging. Nicht ohne Grund ist dies eine Langzeit-Therapie. Die ablaufenden Prozesse im Hirn brauchen einfach genügend Zeit um Gewohnheiten zu werden. Schließlich nennt sich das auch Entwöhnung. Es sollte aber Gewöhnung heißen – nämlich Gewöhnung an das neue Selbst, das neue Ich, welches die zwangsweise Beschäftigung mit sich selbst mit sich bringt. Man lernt, sich selbst zu ertragen auch und gerade in Zeiten des Leerlaufs und des Alleinseins. Wo früher die Droge der Kumpel war, dem man sich anvertraute, ist es jetzt ein neues Ich, welches man zum Partner macht, ein Ich, welches Jahre oder Jahrzehnte geschlummert hat und von den Umständen unterdrückt wurde.

Ja, ich fühle sogar erstmals so etwas wie Freude aufkommen angesichts des Umstandes, dass jetzt etwas in Reichweite liegt, welches zu den schwierigsten Prüfungen im Leben überhaupt zählt – die Überwindung einer Sucht und deren Begleiterscheinungen Angststörung und Depression. Nicht, dass ich hier Freudensprünge mache, aber die tägliche „saubere“ Routine verbreitet ein warmes, gutes Bauchgefühl und die Erkenntnis, das alles sich zum Besseren neigt, und dass die wirklich tiefen Täler jetzt ein für allemal durchschritten sind.

Ich habe viel gelernt in diesen Tälern der Finsternis. Ich bin bis an die Grenzen gegangen und darüber hinaus. Darüber kann ich erzählen, denn eigentlich sollte ich schon gar nicht mehr sein. Ich hatte mehr Glück als Verstand bei meinen Eskapaden, das muss ich ganz deutlich sagen. Dafür bin ich bescheiden und dankbar. Genauso für die Tatsache, dass ich Dir diese Zeilen schreiben kann. Dass ich nach all den Geschehnissen immer noch in der Lage bin, zu berichten, zu Erzählen wie es in der Finsternis der dunklen Gedankenwelt denn so aussieht.

Das Alleinsein bereitet mir keine Probleme, im Gegenteil, ich möchte niemandem meine Probleme aufhalsen. Einsam fühle ich mich nicht, immerhin habe ich Dich. Einsamkeit kann sehr grausam sein und in den dunkelsten Stunden fühlte ich mich mit meinen Problemen sehr alleine gelassen. Bis ich verstanden habe, dass die Dunkelwelt, in die die Depression führt für andere ja gar nicht zugänglich ist! Kein Wunder ist niemand da, denn niemand kann dir in den Kopf schauen. In das Unterbewusstsein schon gar nicht. Die einzige Kraft, die das schafft, ist die Liebe. Und der Spiegel der Liebe sind die Augen. So sehe ich in den Augen der Menschen ihre Seele so wie sie meine sehen können, wenn ich es denn zulasse. Was viel zu selten geschieht. Zur Liebe gehört aber zunächst auch die Selbstliebe. Auch das musste ich neu lernen, wie so vieles andere auch. Denn nur mit einer gesunden Selbstliebe ist man in der Lage auch andere zu lieben. Wo das Selbstvertrauen fehlt, bleiben die anderen zwangsläufig auf der Strecke. Wie soll ich denn anderen vertrauen, wenn nicht ich mir selbst?

Die andere Krankheit kommt in Schüben oder Wellen. Was wir hier durchgemacht haben in den letzten zwei Jahren war ein tiefes Tal, ausgelöst durch äußere wie innere Umstände. Der „perfekte Sturm“, mit Pandemie, persönlicher Krise und mehreren Gebrechen. Dieser Teufelskreis ist jetzt gebrochen durch das Eremiten-Dasein in fremder Umgebung. Nun gilt es, das neu erworbene Wissen und das neu erstarkende Lebensgefühl auch in den „alten“ Alltag zu überführen und geduldig weise Entscheidungen zu treffen. Ich möchte das „neue Gute“ nicht mehr missen. Auch das ist ein Therapie-Erfolg.

Mein Therapeut hat mir vorgeschlagen, ich solle doch mal meine Muse zu mir nach Hause einladen. Wow, dachte ich, das wäre mutig. Aber Du bist mir jederzeit herzlich willkommen, die Adresse ist ja bekannt.

Wie gesagt, ich bin alleine aber nicht einsam. Darin liegt ein großer Unterschied, zumal die metaphysische Ebene immer stärker wird, je länger der Missbrauch von irgendwelchen Stoffen zurück liegt. Ich war in den letzten Jahren mehrfach im Krankenhaus und mehrfach an der Schwelle zum Tod und jetzt ist mal Schluss damit! Verdammt noch mal. Wenn das Leben schon spielt und mich nicht gehen lässt, dann will ich das Spiel des Lebens frei und unabhängig und zu meinen Regeln spielen. Und nicht abhängig von Substanzen oder anderen Menschen.

Vergleiche mit anderen bleiben nicht aus, sind aber sinnlos. Jeder Mensch ist anders und jedes Leben verläuft anders. Vergleiche sind hohle Hülsen, zumal die Voraussetzungen für ein Leben für jeden anders sind. Gerade darin besteht ja die ungemein wichtige Erkenntnis der Abendlandes, dass jeder nach seiner Facon glücklich werden kann und soll – und eben keine gleichförmigen Schablonen für Menschen existieren. Das es eben keine Autorität gibt, die sich über das Individuum erhebt und ihm vorschreibt, wie er oder sie das Leben zu leben hat.

Inder Vielfalt unterschiedlicher Lebensläufe liegt die Kraft unserer Gesellschaften. Und gerade bei denen, die Hilfe und Orientierung brauchen zeigt sich diese Kraft in Institutionen, die genau dann helfen, wenn der eine oder die andere mal den Weg der Vernunft verlassen haben. Für mich zeigt das den Reichtum einer Gesellschaft mehr an als jedes Bruttosozialprodukt.

Summa summarum für den heutigen Tag stelle ich fest: Es ist etwas passiert in der Therapie. Ein neues Lebensgefühl ist eingekehrt und der alte Schrecken verblasst. Ich möchte das Neue nicht mehr missen und fühle mich gut. So soll es auch bleiben.

Einkaufen. Ein Glücksmoment! Zum ersten Mal seit elf Wochen verspüre ich Glück! Ganz ohne Substanzen oder außergewöhnliche Tätigkeiten. Ich habe es ohne geschafft, einen Glücksmoment zu erzeugen und möchte ihn einfangen, ja konservieren und mitnehmen in die Zukunft. Erst jetzt verspüre ich, wie es ist, nicht krank zu sein! Was für ein Gefühl. Auf Hirn-Ebene heißt das, dass mein Belohnungssystem wieder ohne den Stoff arbeitet. Im Alltag heißt das, dass ich wieder lerne, zu funktionieren. Ich freue mich über mich selbst! Keine Angststörung, keine Panikattacke. Was noch vor zwei Wochen unmöglich erschien, ist jetzt wieder machbar! Ja, so banal es klingt, aber in der Depression war es für mich unmöglich, das Klinikgelände zu verlassen, ohne das sofort eine Panikattacke einsetzte. Und jetzt ist das ein Kinderspiel. Das heißt also auch, dass sich mein Lebensradius wieder vergrößert hat, dass ich Dinge wieder tun kann, die für „normale“ Menschen alltäglich und selbstverständlich sind. Ich weiß im Moment nicht genau, was den Glücksmoment erzeugt hat, aber es hat funktioniert. Ein Merkmal dieser Krankheit ist es ja, dass viele Dinge nur im eigenen Kopf ablaufen. Gute wie schlechte.

Leider kann man Glück nicht in eine Dose packen und für später aufheben. Man muss es nehmen, wie es kommt, wann es kommt und wenn es kommt. Ich jedenfalls bin froh, dass diese Gefühle nach langer Zeit wieder vorhanden sind. Auch das ist ein Therapieerfolg, vielleicht der größte Schritt in ein normales Leben.

Das zukünftige normale Leben sieht definitiv anders aus als das vergangene. Schließlich weiß ich jetzt, was ich habe und wie man damit umgehen muss. Ich habe gelernt, dass diese Krankheit einige Behinderungen ins Leben bringt. Nicht alles wird so funktionieren wie zuvor, vieles muss anders werden. Dafür winkt aber der Pokal eines langfristig zufriedenen Lebens ohne weitere Abstürze und ohne das Chaos von zuvor. Denn vieles, Positives wie Negatives wäre ohne die Droge niemals geschehen. Ungeschehen machen lässt sich auch nichts – und das ist auch gut so. Nur, wer mit der Vergangenheit Frieden geschlossen hat, kann in Zukunft auch ohne die Sorgen des Vergangenen leben.

Ich muss verstehen, dass es diese fürchterliche, heimtückische Krankheit war, die mich Dinge hat tun lassen. Ich muss es zulassen, dass die Krankheit mich an die Schwelle zum Tod und wieder zurück gebracht hat. Ich muss verstehen, dass man die Krankheit noch stoppen kann. Ich muss annehmen, das viele in der Krankheit getroffene Entscheidungen schlecht waren. Ich muss lernen, in Zukunft es besser zu machen. Ohne Gesundheit ist alles nichts. Oh, wie wahr ist dieser Satz. Ob ich jemals wieder ganz gesund werde, steht in den Sternen. Sicherlich wird sich ein anderes Lebensgefühl einstellen, kleiner, bescheidener, konzentrierter aufs Wesentliche. Mit mehr Zeit für sich, mit mehr Denken und fühlen. Mit Sicherheit werde ich nie wieder in ein Karriere-Hamsterrad einsteigen, obwohl auch diese Achterbahnfahrt einige schöne Momente ergeben hat. Aber dafür habe ich nicht die Kraft mehr. Die geistige Entwicklung schreitet fort, und die Tätigkeiten, die man ausübt, sollten mit dieser Entwicklung auch Schritt halten – ansonsten droht wieder Langeweile und die Flucht in die Sucht.